Shakespeare-Ausschnitt mit Walter Hess und Johanna Kappauf. © Sima Dehgani
„Sind männliche Bösewichte aus Film und Fernsehen ein Vorbild? Oder braucht es queer-feministische Vorbilder?“ Wenn ein Abend mit solchen rhetorischen Fragen eröffnet wird, bleibt das Überraschungspotenzial von vornherein übersichtlich. Aber darum geht es hier im Werkraum der Münchner Kammerspiele im Grunde auch gar nicht. Im Zentrum steht bei der Premiere von „Duette und Falsette“ wieder einmal die gelebte Inklusion, die am Haus großgeschrieben wird.
Von der im Vorfeld angekündigten „sportlichen Auseinandersetzung mit Opernduetten“ oder dem „Abarbeiten an den Widersprüchen des Operngenres“ ist bei diesem glitzernd bunten Happening allerdings nur wenig übrig geblieben. Im Grunde nur die gemütlich gebrummten „Heil’gen Hallen“ aus Mozarts „Zauberflöte“ sowie die anschließenden Prüfungen für Papageno und Tamino, die im Reich des großen Sarastro ihren Mann stehen müssen.
Wobei Schweigen zur Abwechslung tatsächlich einmal Trumpf ist. Denn statt der angestaubten Gags von Mozarts Textdichter Emanuel Schikaneder liefern sich Dennis Fell-Hernandez und Hans-Jakob Mühlethaler im Boxring ein amüsant schräges Blockflöten-Duell, aus dem am Ende das Publikum als lachender Dritter siegreich hervorgeht. Die danach verbleibende Zeit hat mit Musiktheater nicht mehr viel zu tun, und auch den roten Faden, der die Episoden miteinander verbinden könnte, sucht man vergeblich. Stattdessen greifen die Beteiligten in ihrer Trickkiste auf bewährte Versatzstücke zurück. Was durchaus seine Vorteile haben kann. Vor allem bei den Ausschnitten aus „König Lear“, in denen Altmeister Walter Hess auf Johanna Kappauf trifft.
Zwei Menschen, denen man anmerkt, dass sie sich auch abseits der Bühne nicht egal sind. Wodurch die Vater-Tochter-Beziehung eine authentische Qualität bekommt, die unter die Haut geht. Mit diesem wundervollen Duo könnte man sich den Shakespeare-Klassiker gut und gern auch in abendfüllendem Format vorstellen.
Schwieriger wird es dagegen, wenn Regisseurin Nele Jahnke gleich noch selbst als „Dramaturgin mit drei Doktortiteln“ gegen Disney-Mega-Fan Frangiskos Kakoulakis in den Ring steigt. Bei der Ankündigung „Klischee trifft auf Klischee“ geht da erst einmal ein kollektives Schmunzeln durch den Werkraum. Doch damit endet die Selbstironie schon wieder. Statt sich in ideologische Graubereiche zu wagen, in denen der Diskurs tatsächlich interessant werden könnte, folgt eher Phrasendrescherei in Schwarz-Weiß. Intersektioneller Feminismus trifft auf toxische Männlichkeit. Wobei die Dramaturgin trotz moralisch überlegener Argumente am Ende k.o. geht.
Die Botschaft ist klar. Allerdings stellt sich die Frage, ob hier ausgerechnet die Disney-Studios der richtige Endgegner sind? Schließlich wird dem Entertainment-Riesen aus rechtslastigen Ecken des Internets gern mal dessen angebliche „Wokeness“ zum Vorwurf gemacht. Und sind wir mal ehrlich: Selbst in Jahnkes zweckpessimistischem Worst-Case-Szenario dürfte die Prozentzahl der Kinder, die sich bei „Die Schöne und das Biest“ den egomanischen Widerling Gaston als Vorbild wählen, übersichtlich bleiben. Da hatte die empathische und ständig mit der Nase in einem Buch hängende Belle von jeher mehr positives Identifikationspotenzial.TOBIAS HELL
Weitere Vorstellung
an diesem Samstag;
Telefon 089/23 39 66 00.