Eine Choreografie im neoklassischen Stil stammt von Ella Rothschild. © Marie-Laure Briane
Ist Zeitdruck auch mal der richtige Kreativ-Funke? Das Tanzensemble des Münchner Gärtnerplatztheaters beweist genau dies in seinem jährlichen „Minutemade“-Event. Kurze Einführung von Tanzchef Karl Alfred Schreiner, Initiator dieser jährlichen experimentellen „Dancesoap“: nur eine Woche Probenzeit, die Choreografien zeitlich beschränkt auf 15 bis 35 Minuten, die Kostüme aus den Beständen des Theaters. Und dann durchgehend hörbares Mitfiebern der „Minutemade“-Fans beim diesjährigen Start auf der Probebühne des Gärtnerplatztheaters.
Auftakt mit der körperlich heftig bewegten Choreografie von Ginevra Panzetti und Enrico Ticconi. Das Duo, in Berlin etabliert, aber international unterwegs und vielfach ausgezeichnet, findet seinen Stil im Tanz, in Bildender Kunst und der „zeitgenössischen Verbindungen zwischen Kommunikation, Gewalt und Macht“. Ein hoher politischer Anspruch.
Ohne genaue inhaltliche Angabe ist man zu konzentriertem Zuschauen gezwungen. Und deutet – wohl ganz individuell – die wilden Armbewegungen der 18 Gärtnerplatz-Mitglieder um den sich ständig wellenförmig biegenden Körper als Aufstand, als Wehrhaftigkeit gegen eine unsichtbare Bedrohung. All dies zu einem indefiniten geräuschigen Hintergrund. Es kommt offensichtlich zu Todesfällen. Denn leblose Körper werden von Helfern über den Boden geschleppt. Das Markenzeichen dieser „Fast-Choreografie“ scheint uns die Deutung des eigenen Körpers als Waffe.
Wie traditionell bei „Minutemade“ ein verbindender Übergang zur zweiten Choreografie – also eine Grabrede, gesprochen von Alexander Quetell. Das Werk von Ella Rothschild, auch sie international künstlerisch aktiv, liefert, jedenfalls in unserer Wahrnehmung, eine Feier des Sterbens. Es wird ausgiebig und raumgreifend getanzt von sechs Trauergästen, und zwar im fast neoklassischen Stil. Der Tänzer Hyo Shimizu am Piano mit Beethovens „Pathétique“. Die Trauernden begleiten die Verstorbene, umrahmen sie mit Blumen. Im Kontrast zur vorangegangenen Choreografie ist die Atmosphäre liebevoll, friedlich und versöhnlich. Auch wenn man in dieser Premiere vielleicht nicht alles versteht, erfährt man doch, wie der Tanz im Kontakt mit anderen Künsten sich ständig neu erfindet und weiterentwickelt. Anhaltender tosender Applaus.MALVE GRADINGER
Informationen:
Akt II am 12. März, Akt III am 19. März, jeweils 20 Uhr; Telefon 089/21 85 19 60.