„Münschen, jump!“ Sean Paul sorgte für eine mehr als schweißtreibende Show. © Martin Hangen
Das weiße Handtuch hat Sean Paul strategisch günstig auf der linken Schulter platziert. Wäre er nicht der unangefochtene Dancehall-Superstar geworden, wäre an dem 53-Jährigen ein Animateur verloren gegangen. Oder ein ambitionierter Personal-Trainer. Unermüdlich pilgert er über die Bühne, wirft den Arm von links nach rechts, „Münschen, jump!“ Am Einsatz mangelt es wahrlich nicht.
In der bis auf wenige Plätze vollständig gefüllten Olympiahalle treffen an diesem Samstagabend sehr junge Fans, die nie eine Dorfdisco von innen gesehen haben, auf solche, die in den 2000ern eben dort zu Liedern von Sean Paul gefeiert haben. Für Letztere ist es ein von schweren Bässen umhüllter Hauch von Nostalgie. Am lautesten schreien sie alle, wenn die großen Radiohits aus den Boxen dröhnen.
„Cheap Thrills“ (mit Sia), „Baby Boy“ (mit Beyonce), „Bailando“ (mit Enrique Iglesias), „Breathe“ (mit Blu Cantrell): Irgendwie hatte Sean Paul als König der Kollaborationen überall seine Finger im Spiel. Und mit Songs wie „Get Busy“, das er gleich zu Beginn des Abends spielt, „We be burnin“ oder „Gimme the Light“ auch Solo-Hits, die damals wie heute junge wie alte Fans auf die Tanzflächen treiben. Da stehen die Besucher auf den Rängen denen in der Arena in nichts nach: Hintern wackeln, Hüften kreisen, Hände gehen im Takt nach oben.
Sean Paul, der mit Band, zwei DJs und ebenso vielen maximal flexiblen Tänzerinnen auftritt, geht es um „die Ladys“, das macht er voller Inbrunst klar. „Die Frauen hier sind so schön, wir bleiben einfach in München“, sagt er. „Sexy Ladys“, „Spicy Ladys“, Hauptsache Frauen. Und so könnte man entspannt, aber auch ein wenig seicht in Richtung Großraumdiscoflair grooven, doch der Jamaikaner wird im richtigen Moment persönlich. Seine Großmutter, die ihn zusammen mit seiner Mutter großgezogen hat, ist vor einem Monat gestorben, erzählt er. Er wolle ihr Leben feiern, statt traurig zu sein. Und stimmt unter großem Applaus „Rockabye“ an.
Etwas mehr als anderthalb Stunden spielt Sean Paul auf der „Timeless“-Tour, und er nutzt die Zeit, um die Besucher maximal zum Feiern anzutreiben. Mit „Temperature“ endet passenderweise ein Abend, an dem der umtriebige Hauptakteur sein Handtuch mehr als einmal zücken muss, so schweißtreibend ist diese Reise in die 2000er.KATHRIN BRACK