Jenseits-Wellness

von Redaktion

Philharmoniker mit „Dream of Gerontius“

Es dauert, bis der Verstorbene zum himmlischen Herrscher vorgelassen wird. Und ob er ihn je erschaut, lässt das Stück offen. Was wir wissen: Das Fegefeuer kann nicht so schlimm sein. Das klingt bei Edward Elgar weniger nach Brandwunden, sondern nach Jenseits-Wellness. Eine monumentale Meditation über einen Sterbenden und schließlich drüben Erwachenden ist „The Dream of Gerontius“. Eine oszilierende, süffige Partiturkost, mehr Rausch statt Entsagung, ein klingendes Andachtsposter.

Das Opus ist im angelsächsischen Raum enorm populär, bei uns dagegen kaum – man hat ja seinen Mendelssohn, respektive Bach. Umso kurioser diese Münchner Saison, in der sich die Philharmoniker dem Hundertminüter annehmen, die BR-Symphoniker unter Simon Rattle folgen im Juni. Ein ungewollter Wettbewerb, keiner hat mit dem anderen vorab gesprochen. Andrew Manze geht einen stilbewussten Weg. Keine Überreizung, kein Aufdonnern, dafür eine behutsame Annäherung. In den großen Ballungen gibt dieser Dirigent den coolen Lotsen und kirchentagsverdächtigen Bandleader. Kleine Straucheleinheiten passieren, die fallen jedoch nicht ins Gewicht. Als die Dämonen den Vorhof des himmlischen Gerichts bevölkern, atmet man auf: Endlich kommt ein anderer Gestus ins Werk.

Der erschrockene Gerontius wird von einem Engel beruhigt, und mit diesem Flatterwesen möchte man fortan die Zukunft verbringen: Besser besetzt als mit Beth Taylor lässt sich die Partie nicht denken. Das dunkle Mezzo-Glühen, der riesige Ambitus von der erdigen Tiefe bis zum Jubelspitzenton, die Verbindung von schlanker Klanglichkeit und dramatischer, farbenreicher Substanz – eine phänomenale Sängerin. David Butt Philip managt die lange, knifflig gelagerte Titelrolle exzellent, mit textklarer Energie und gelegentlich gedeckten Tönen. Andrew Foster-Williams hat für Priester und Todesengel die passende, grobkörnige Bass-Gewalt. Einen starken Auftritt hat der Philharmonische Chor, einstudiert von Andreas Herrmann. Fein ausgehört ist Elgars Liniengeflecht. Gesungen wird plastisch, mit Risikolust im Leisen und in den Aufgipfelungen nie zu robust. Dieses Ensemble hat die Latte für die BR-Konkurrenz sehr hoch gelegt.MARKUS THIEL

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