Mehr als ein starker Auftritt durch Vorhänge aus Ketten: Wiebke Puls als Woland, wie der Teufel in Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ heißt. © Armin Smailovic
Wenn Mephisto mitmischt, empfiehlt es sich, aufs Tempo zu drücken. Wer kann schon wissen, was als Nächstes geschieht? Also, rasch das Wichtigste zur Premiere von „Meister und Margarita“ am Freitag in den Münchner Kammerspielen niedergeschrieben: Mein Gott, wie teuflisch gut ist dieses Ensemble?!
Etwa Wiebke Puls als Gottseibeiuns, der in Michail Bulgakows Roman Woland heißt, im eleganten Nadelstreif: ein Wesen von großer Strenge und tiefstem Verständnis für die Menschlein in all ihren Schwächen; letztlich also ein Humanist durch und durch. Oder Edmund Telgenkämper als zaudernder Pontius Pilatus: Der Mann müsste gar nicht mehr spielen – mit der Modulation seiner Stimme erzählt er so vieles. Oder Linda Pöppel, die ganz zart Margarita gestaltet, die Geliebte des Meisters, und kurz darauf als Hexe, bedeckt nur mit grünem Schleim, aus dem Hotel Vier Jahreszeiten über die Maximilianstraße hineinrauscht ins Schauspielhaus. Thomas Schmauser nicht zu vergessen, der den Meister in vielen Facetten zeigt: hellsichtig, schizophren, wütend. Tastend entwickelt er die Sätze und Gedanken seiner Figur. Denn um nichts anderes geht es hier: um die Macht des Wortes, die Kraft der Kunst, die Möglichkeit einer Rettung durch das Schöne. Ja, Regisseurin Jette Steckel hat ein fantastisches Ensemble beieinander für ihre Adaption dieser Geschichte, an der Bulgakow (1891-1940) von 1928 an bis kurz vor seinem Tod geschrieben hat. Es ist ein sattes, fantastisches, reiches Werk, das im Moskau der 1930er-Jahre spielt und mehrere Handlungsebenen virtuos verwebt. Da gibt es einen Roman im Roman über den römischen Prokurator Pontius Pilatus; ein verbotener Text, an dem der Meister schreibt. Da sind Woland, seine Gehilfen Begemot (kein fetter, aber ein verdammt großer Kater) und Fagott. Das infernalische Trio traktiert die Menschen, entlarvt dabei Lüge und Korruption, Gier und Geilheit. Die Drei ziehen ihr Theater der Grausamkeit in der Stadt auf. „Der Meister und Margarita“ konnte erst 1966 postum veröffentlicht werden – und selbst da nur verstümmelt. Geschrieben unter der Stalin-Diktatur, verhandelt Bulgakow viele Dinge, mit denen sich die Mächtigen ungern beschäftigen. Steckel arbeitet diesen Aspekt des Romans heraus, ergänzt ihn mit Tagebuchnotizen und Briefauszügen Bulgakows. Ihre knapp vierstündige Inszenierung (eine Pause) ist eine Feier der (Kunst-)Freiheit.
Vor allem in der ersten Hälfte glückt das mit großer Prägnanz, die trotz aller Spielfreude, trotz allem technischen Schnickschnack wie den Video-Übertragungen live aus der Maximilianstraße, nie verloren geht. Das liegt in erster Linie natürlich an den Schauspielerinnen und Schauspielern (obige sind stellvertretend genannt). Entscheidenden Anteil daran hat zudem die Bühne von Florian Lösche. Er unterteilt den Raum durch lange Kettenvorhänge, die einerseits wunderbar als Symbol und Requisiten dienen. Andererseits durch ihre Beweglichkeit selbst Akteure der Geschichte zu werden scheinen.
Nach der Pause verlieren sich dann leider Dringlichkeit und Energie des ersten Teils. Wiebke Puls’ Woland holt einen Freiwilligen auf die Bühne, den sie hypnotisiert, um vorzuführen, wie viel Macht in unser aller Gedanken steckt. Die Schauspielerin beherrscht die Technik, Zuschauer Johannes ist der ideale Kandidat – all das ist eindrucksvoll, gewiss. Dennoch kostet diese Sitzung unnötig Zeit und bringt die Produktion nicht wirklich voran. Und am Ende wirkt es, als seien Steckel mindestens drei Schlussbilder eingefallen. Statt sich zu entscheiden, zeigt sie alle. So versandet das Finale etwas. Das sind teuflische Details, klar. Trotzdem schade.
Ein unflätiges Buh unmittelbar nach dem letzten Wort. Ansonsten herzlicher, heftiger Applaus.MICHAEL SCHLEICHER
Nächste Vorstellungen
am 12. und am 22. März;
Telefon 089/233 966 00.