Wer hat da Epstein gesagt?

von Redaktion

Giuseppe Verdis „Rigoletto“ an der Bayerischen Staatsoper

Gefangener Engel: Serena Sáenz als Gilda ist das Zentrum dieser Produktion. © Geoffroy Schied

Mitten in der Orgie regnet es Papierblätter vom Himmel. Aktien könnten das sein, vielleicht auch belastende Dossiers, auf einem Video wird das gezeigt. Die Business-Kerle kümmert’s nicht, wer Kohle hat, blendet die Realität gern aus. Das Leben als Party und Gewinnmaximierung inklusive schnellem Sex im Nebenraum: Mantua, die Welt von Giuseppe Verdis Herzog, ist überall, sagt der Abend. Und wem die Fete zu öde wird, der gönnt sich in Lederkluft einen Ausflug in den SM-Club – Geld scheffeln stresst, außerdem muss der Hormonpegel zurück auf Normallevel.

Welt von heute mit reichen Früchtchen

Ganz leicht ist das also, „Rigoletto“ zu aktualisieren. Und man muss gar nicht „Epstein“ sagen, so etwas schwingt an diesem Abend unausgesprochen mit. Regisseurin Barbara Wysocka zeigt eine Welt reicher Früchtchen (Kostüme: Julia Kornacka), die sich naht- und schlackenlos aus dem Opernhit entwickeln lässt. Endlich hat die Bayerische Staatsoper einen herzeigbaren „Rigoletto“. Nach der Regie-Entgleisung von Doris Dörrie Anno 2005 lag die Latte allerdings denkbar tief.

Dies alles ist von Wysocka so versiert auf die Bühne gebracht, dass die Ersten kurz nach der Premiere in den Sozialen Netzwerken von Langeweile und Routine nörgelten. Die polnische Regisseurin, an der Staatsoper schon mit einer ansehnlichen „Lucia di Lammermoor“ aktiv, will und muss das Rad aber nicht neu erfinden. Entscheidend ist, wie glaubhafte Typen skizziert werden, die in Frankfurt, München oder New York ihre Konten füllen. Das betrifft auch die Chor-Herren. So motiviert, so präzise und lustvoll singend hat man dieses Ensemble selten erlebt.

Wysocka führt ein Heute ohne Modernisierungskrampf vor. Barbara Hanicka hat das passende Setting entworfen. Das Milieu des Herzogs strahlt Metallkälte aus, nicht nur er, auch die Räume sind auf die schiefe Bahn geraten. Auf Gimmicks und szenischen Tand wird verzichtet; eine (fast) leere Welt, in der Gefühle schnell verpuffen und sich Mitleid verliert. Was man Wysocka vorwerfen kann: dass sie stereotype Gesten durchgehen lässt. Und dass sie ein paar Dinge nicht zu Ende gedacht hat. Gilda, Tochter des Titelhelden, wird in einer fensterlosen Zelle gehalten (aus der sie sich naturgemäß fortträumt). Doch die Brutalität der Situation, das mutmaßliche Trauma dieser Frau, die abartigen Beweggründe Rigolettos, davon sieht man weniger. Auch vom Anderssein Rigolettos, der hier keinen Buckel hat, sondern ein verkürztes Bein mit entsprechendem orthopädischen Schuh. Was ihn von seinen Geldgebern unterscheidet, warum er zum Hassobjekt wird, auch das bleibt unterbelichtet.

Ariunbaatar Ganbaatar macht das mit wuchtiger Präsenz und ebensolcher Stimme wett. Die klingt reich, oft rauchig, sitzt gern mal in der Gegend der Mandeln und imponiert unter Druck am meisten. Den erzeugt auch Bekhzod Davronov als Herzog, mit zunehmender Aufführungsdauer aber auf ungesunde Weise. Sein heller, schmaler Tenor fräst sich anfangs gut durchs Ensemble. Vom Typ her ist er ideal besetzt, doch ein Farben- und Nuancenkünstler ist er nicht. Je mehr sich das Ende nähert, desto häufiger schleichen sich Überreizungen und Alarmzeichen ein.

Eine gegenteilige Entwicklung macht Serena Sáenz durch. Anfangs irritiert ihr Sopranflackern, das bekommt sie jedoch in den Griff. Eine Lyrische drängt zu Dramatischem – für die Gilda kein übler Klang-Entwurf. Seelentöne ohne Süßlichkeit, eine lyrisch-feine, freie Höhe, eine Phrasierung, die nicht auf Wirkung und Äußerlichkeiten schielt: Singdarstellerisch ist das vom Allerfeinsten, entsprechender und verdienter Jubel der Gala-Gemeinde.

Die wird mit wenigen Buhs ungnädig, als Maurizio Benini die Bühne betritt. Der ist ein mit allen italienischen Kapellmeisterwassern gewaschener Mann. Benini weiß, wo er dem Gesangspersonal nachgeben muss, wo er den Laden wieder antreiben darf und wie sich aus der Partitur Funken schlagen lassen. Die Tempowahl (der das Bayerische Staatsorchester flexibel folgt), die kleinen, nie demonstrativen Verbremsungen verraten die Fachkraft. Gleichzeitig dirigiert Benini den „Rigoletto“ als Schwellenwerk: Das Klangbild ist al dente wie bei Verdis Früh-Stücken, der Rhythmus profiliert, die dunklen, dramatischen Momente lassen aber die späten Werke ahnen. Nur Benini ist im Festspielsommer wieder dabei, die anderen nicht. In diesem Fall ist das verschmerzbar, die Produktion dürfte Einwechslungen gut vertragen. Nur: Warum wird dann sechs Wochen geprobt?MARKUS THIEL

Nächste Vorstellungen

am 11., 14., 17., 19., 22., 24. März; Telefon 089/21 85 19 20.

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