Adele mal anders

von Redaktion

„Tatort“-Star Neuhauser verliebt sich in dem starken ARD-Film „Makellos“ in einen Callboy

15 Jahre ein „Tatort“-Team: Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer. © Domenigg/ORF

Da ist eine große Nähe, nicht nur körperlich: Constanze (Adele Neuhauser), die in ihrer Ehe unglücklich ist, trifft eines Abends auf den Callboy Ricardo (Manuel Rubey). © Krause-Burberg/SWR

Die Empörung ist ihr anzuhören. „Über Jahrhunderte“, sagt Adele Neuhauser mit dieser typisch österreichischen Betonung, „über Jahrhunderte erlauben wir es als Gesellschaft, dass ältere Männer mit jüngeren Frauen Beziehungen eingehen. Aber wir erlauben genau das älteren Frauen und jüngeren Männern heute immer noch nicht in ausreichender Form.“ Dabei sei da „überhaupt nichts Verwerfliches dabei“, so die 67-Jährige. Zeit also, mit diesem Ungleichgewicht – und den damit einhergehenden Sehgewohnheiten des Fernsehpublikums – zu brechen.

„Makellos – Eine kurze Welle des Glücks“ heißt der Film, der genau das tut. Mit einer gut austarierten Mischung aus Herz, Humor, Empathie und Ernsthaftigkeit erzählt er die Geschichte von Constanze (Adele Neuhauser), die mit ihrem Ehemann Anton (Ulrich Noethen) eine zwar skandalfreie, aber leidenschaftslose Ehe führt, deren Alltag sich vor allem um das gemeinsame Trachtengeschäft dreht. Weil sie das mehr stört als ihn, beherzigt Constanze den Ratschlag ihrer besten Freundin und lässt sich auf eine Affäre mit dem Callboy Ricardo (Manuel Rubey) ein. Nach dem ersten erotischen Prickeln entwickelt sich zwischen den beiden eine Nähe, schließlich eine schöne Beziehung auch jenseits des Bettes. Doch dann tauchen Fotos auf – und Constanze wird erpresst.

Das Drehbuch zu diesem Film, der morgen um 20.15 Uhr in der ARD läuft, stammt von Uli Brée, der für Adele Neuhauser schon die wundervollen Frauenfiguren aus „Ungeschminkt“ und „Faltenfrei“ erfunden hat, außerdem viele „Tatort“-Folgen aus Wien. „Uli Brée ist jemand, der gerne weiß, für wen er schreibt“, sagt Neuhauser. „Und er hat Lust, mich zu fordern.“

Das ist ein gutes Stichwort. Es gibt explizite Szenen in „Makellos“: Constanze und Ricardo im Bett, man sieht nicht alles, aber doch genug, um zu erahnen, dass die Dreharbeiten für Adele Neuhauser etwas (Heraus-)Forderndes hatten. „Ich war zunächst vollkommen perplex, als ich das Buch bekam“, gibt sie offen zu. „Im ersten Moment hat es mich erinnert an Emma Thompson in ,Meine Stunden mit Fred‘, und dann habe ich zu Uli Brée und meinem Kollegen Manuel Rubey gesagt: ,Ich bin nicht so toll und so schön und so mutig wie Emma Thompson‘.“ Die beiden Männer hätten ihr die kokette Sorge schnell genommen. Aber natürlich habe sie sich trotzdem die Frage gestellt: Will man das überhaupt sehen? „Und ich habe diese Frage irgendwann mit Ja beantwortet.“ Sie lacht, wenn sie das erzählt.

Abgesehen von den Sex-Szenen gibt es in „Makellos“ Momente, die viel intimer sind als jedes Rekeln unter der Decke. Constanze versucht, sich das Leben zu nehmen – eine Parallele bekanntermaßen zu Adele Neuhausers Biografie. Wie schwer ist ihr diese Szene gefallen? „Das kostet schon Überwindung, ja“, sagt sie. „Und natürlich kommt da auch wieder etwas hoch.“ Kurze Pause. „Man sieht mich jedenfalls auf eine Art und Weise, die viel hüllenloser ist als jede Nacktheit.“ Sie sei jedes Mal begeistert, was Uli Brée für sie schreibt „und was wir erzählen können“.

Wichtig ist der Schauspielerin, und das lässt sich gut nachvollziehen, dass es dem Film nicht allein um diese Amour fou zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann geht. Er dreht sich um mehr als um „Eine kurze Welle des Glücks“, wie es sehr schön im Untertitel heißt. Darum, was diese Beziehung mit Constanze macht. Ohne zu viel zu verraten: Am Ende fasst sie einen „sehr reifen“ Entschluss, wie Neuhauser es formuliert. Einen, der den Film zu einem Plädoyer für die Selbstbestimmung der Frau jenseits der 50 macht. „Ich bin überzeugt, dass sich viele Frauen – aber auch viele Männer – in der Geschichte wiederfinden“, sagt die Österreicherin. Und hat gewiss Recht. Einschalten lohnt sich also.STEFANIE THYSSEN

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