Der Blaue Reiter neu entdeckt

von Redaktion

„Über die Welt hinaus“ – beeindruckende Schau im Lenbachhaus

Türkisches Café von August Macke (1914). © Städtische Galerie im Lenbachhaus

Das Atemberaubende und das Deprimierende liegen im Münchner Lenbachhaus direkt nebeneinander. Sein international bewunderter Schatz ist die Sammlung von Werken des Blauen Reiter. Sie werden geliebt von den Münchnern und ihren Gästen aus nah und fern, von den Museen weltweit und vom Kunstmarkt sowieso. Das Team der Städtischen Galerie pflegt diesen Schatz und erweitert ihn kontinuierlich. Abteilungsleiterin Melanie Vietmeier hat nach zwei Jahren zusammen mit Direktor Matthias Mühling und Johannes Michael Stanislaus nun die Version „Über die Welt hinaus – Der Blaue Reiter“ entwickelt.

Da sie einen atemberaubenden Schlusspunkt der Schau setzen und das gar nicht so leicht ist bei einer Sammlung mit vielen Höhepunkten, soll hier mit ihm begonnen werden. Hat man alle Säle mit Kapiteln wie „Auf Reisen“, „Das Blaue Land“ oder „Stadtansichten“ und „Eskapismus“ sowie fast alle 283 Exponate genossen, verschlägt es einem am Ende die Sprache. In Nachtblau leuchten einem Wassily Kandinskys Gemälde unter dem Titel seines philosophischen Essays „Das Geistige in der Kunst“ wie farbsprühende Galaxien aus einer anderen Sphäre entgegen. Das muss man sehen, erleben, fühlen. Egal ob geistig oder sinnlich.

In diesem Gefilde wird den Betrachtenden nicht nur der Kopf verdreht, sodass sie in Else Lasker-Schülers Sinne „Über die Welt hinaus“ schauen. Sie bekommen gleichzeitig einen fulminanten Überblick über Kandinskys Schaffen. Wir können dabei zuschauen, wie er das Gegenständliche reduziert – noch galoppieren drei Reiter – bis zu reinen Farbstürmen, die sich später zu kompakten Elementen verfestigen („Roter Fleck II“).

Solch eine Retrospektive in Dunkelblau hat Vietmeier ebenfalls für die Patronin des Lenbachhauses eingerichtet. Gabriele Münter hatte in ihrem Murnauer Haus zahlreiche Werke der Blauer-Reiter-Kollegen vor den Nazis versteckt und obendrein 1957 dem Städtischen Museum vermacht. Die Münter-Eichner-Stiftung, dort angesiedelt, wahrt das Erbe und ist an der Exposition beteiligt. Das bedeutet, dass das Kuratorenteam aus dem Vollen schöpfen kann, zumal die meisten Leihgaben wieder daheim sind. Zugleich bietet es Überraschungen; bei „Gabriele Münter – Geben eines Extraktes“ eine Mama-Kind-Kuschelei sowie eine ins Bett gekuschelte Frau. Melanie Vietmeier feiert die Malerin, die bis in die Fünfziger arbeitete, als „Erneuerin der Landschafts-, Porträt- und Stilllebenmalerei“.

Wie bei jeder Exposition der Gruppierung Der Blaue Reiter (1911-1914) wird deutlich gemacht, dass sie Kunst als Phänomen sah, das grenzenlos ist – und das in einer Zeit des Nationalismus, wie Mühling betont. Deswegen finden sich in dem Almanach „Der Blaue Reiter“ Künste aller Zeiten, Weltgegenden, Gattungen. Ob Könner oder Kind, ob Volkskünstler (der heilige Georg wird ja zum Blauen Reiter auf dem Almanach-Buchdeckel) oder akademischer Maler, ob Realismus oder Abstraktion, alles konnte laut Kandinsky etwas sein, dessen „Inneres“ wahrhaftig ist.

Deswegen bietet uns auch diese Ausstellung wieder ein vielfältiges Panorama. Hyper-wirklichkeitsgetreu malt Jean-Bloé Niestlé die Katze, die einen Dompfaff geschnappt hat. Alfred Kubins Grusel-Ironie schwebt als Hinterglasbild. Emmy Klenker seziert halb magisch, halb gesellschaftskritisch das dunkle Gemüt der Städter.

Im vorletzten Raum reflektiert die Städtische Galerie ihre Geschichte. Heute wird die Kunst des Blauen Reiter verehrt, kurz nach der Eröffnung des Lenbachhauses 1929 wurde sie von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt. Das Museum sei ohnehin konservativ bestückt gewesen, so Matthias Mühling, trotzdem habe der Direktor Franz Hofmann „im vorauseilenden Gehorsam“ 1936 Gemälde ausgesondert (1937 geht die Hetz-Schau „Entartete Kunst“ auf Tournee). Die Dokumente der Würdelosigkeit sind in Vitrinen zu sehen. Danach folgt, zum Glück für uns, die Kandinsky-Apotheose.SIMONE DATTENBERGER

Über die Welt hinaus

Bis 5. September 2027, Di.-So. 10-18 Uhr; Infos unter 089/233 969 33 und www.lenbachhaus.de.

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