Die Zwillinge Gabriel (li.) und Janosch. © Janina Ventker
Janosch posiert 2010 vor seinem Bild „Der Tiger mit grüner Nase“. © Roland Weihrauch/dpa
„Wenn man einen Freund hat, dann braucht man sich vor nichts zu fürchten“ – so lautet eine der Weisheiten, die Janosch seinen Leserinnen und Lesern aufschrieb. Zu fürchten hat Janosch selbst schon lange nichts mehr – ob klein oder groß, die Fans seiner mit viel Wärme gestalteten Bücher fühlen sich ihm freundschaftlich verbunden. Am Mittwoch wird Horst Eckert, so sein bürgerlicher Name, 95 Jahre alt.
Eine große Feier wird es nicht geben. „Er will seine Ruhe haben“, heißt es bei der Janosch-Gesellschaft, die auch nach dem Ende seiner Schaffensphase sein Werk lebendig hält. Öffentliche Auftritte oder Interviews sind wie schon zu seinem 90. Geburtstag nicht mehr zu erwarten.
Der kleine Bär, der kleine Tiger, der Frosch und natürlich die Tigerente: Eltern, die durch die Zimmer ihrer Kinder gehen, werden mit Sicherheit irgendwo Kunstwerke von Janosch entdecken. Zeichnungen, die Lustigkeit und Wärme ausstrahlen und vermutlich deshalb Kindern so viel bedeuten.
Derjenige, der diese Figuren schuf, fand für den Rückblick auf seine Kindheit nur ein Wort: „Hölle“. Der am 11. März 1931 in Oberschlesien im heutigen Polen geborene Künstler schuf mit seinen Werken offenbar das Gegenteil seiner eigenen Erinnerungen. Drastisch beschrieb er 2017 im „Spiegel“ die Eltern. „Mein Vater kam jeden Tag besoffen wie ein Schwein nach Hause, ist auf den Boden gerutscht, hat hingekotzt, hat versucht, seine Frau zu hauen – und war so besoffen, dass er sie nicht mehr hauen konnte.“ Nicht besser die Mutter: „Meine Mutter hat mich immer gehauen – dabei sagte sie, wenn du nicht aufhörst zu heulen, schlag’ ich dich tot.“ Über all dem Leid standen die katholischen Priester, die beim kleinen Horst tiefe Ängste vor der Sünde auslösten. Diese Erinnerungen beschäftigten Janosch viele Jahrzehnte lang. Auch nachdem er 1970 mit „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm“ einen prägenden Roman geschrieben hatte. Und sie wirkten nach, als er mit dem zum Klassiker gewordenen Kinderbuch „Oh, wie schön ist Panama“ 1978 den kleinen Bär und den kleinen Tiger auf die Suche nach dem großen Glück schickte – das sie nach einer abenteuerlichen Odyssee im eigenen Zuhause fanden.
Den „Cholonek“ habe er im Suff geschrieben, sagte Janosch einmal. Im Alkoholrausch habe er den Punkt erreichen können, die verdrängten Kindheitstraumata freizulegen und zu beschreiben. Mit Erfolg bekämpfte er später das Verlangen nach Alkohol. Bewegung half ihm dabei: Turnen, Schwimmen, Yoga – noch weit in seinen 80ern konnte Janosch Kopfstand. Sein Paradies fand er auf der spanischen Kanareninsel Teneriffa, wo er seit 1980 mit seiner Frau Ines lebt.
Ihr Mann sei ein einfacher Mann, der nicht viel brauche, sagt seine Ehefrau. Das habe angesichts seiner Erfolge zu einem Vermögen geführt, mit dem er sich vor wenigen Jahren einen letzten großen Lebenstraum erfüllen konnte. 2021 gründete Janosch die Stiftung Canarina, die Natur und Tiere auf den kanarischen Inseln schützen soll. Ihre Finca gaben die Eheleute auf; dort sitzt nun die Stiftung mit einer Künstlerherberge. Künstler von den Kanaren finden dort Unterkunft und können kreativ werden – wie es Janosch selbst viele Jahrzehnte zur Freude seiner Fans war.RALF ISERMANN