Colm Tóibín erweist sich in „Die Schwestern“ wieder als souveräner Erzähler. Das Souveräne wird nie als Schriftsteller-Mackergeste ausgestellt, vielmehr ist es anmutig. All die Schattierungen der Schwestern Montse (aus ihrer Perspektive wird berichtet), Núria und Conxita werden menschenfreundlich, dennoch alltagsrealistisch-nüchtern und humorvoll aufgefächert: vom Verrat der Mutter und der dominanten Núria an der minderjährigen Montse bis zur Minimal-Versöhnung nach 50 Jahren. Die Katalaninnen wurden als Kinder nach Argentinien verpflanzt, strampeln sich seither ab, ob mit Aufstieg/Reichtum oder Geradeso-Zurechtkommen. Der irische Dichter zeigt, wie sich das Leben zwischen Anpassung und Deformierung der Seele und halbwegs selbstbestimmtem Dasein entwickeln kann. Montse muss stets ums Überleben kämpfen, auch mit Tricks. Sie hat jedoch ihr Ich gerettet, sogar zurück ins katalanische Dörfchen, in dem sie als Kind glücklich war.SIDA
Colm Tóibín:
„Die Schwestern“. Hanser, München, 125 Seiten; 22 Euro.
★★★★★ Hervorragend