Drei Odalisken aus „Le Corsaire“ mit dem Bayerischen Junior Ballett München. © Nicholas MacKay/Bosl-Stiftung
Ach, wenn Geschichte doch immer so sinnlich spannend sein könnte! Tatsächlich führte uns die Heinz-Bosl-Stiftung in ihrer Frühlings-Matinee elegant vom klassischen Ballett bis zur aktuellen Tanzmoderne. Tosender Applaus im Münchner Nationaltheater für die von Jan Broeckx geleitete Ballettakademie der Hochschule für Musik und Theater und fürs Bayerische Junior Ballett München.
Das BJBM, geleitet von Ivan Liska, eröffnete mit „Drei Odalisken“ aus Petipas Ballett „Le Corsaire“ (1856/58) zu Adolphe Adam (rekonstruiert von Doug Fullington). Zum Träumen die drei Damen des BJBM: dahinschwebend in all diesen vertrackten Arabesken, battierten Sprüngen und Pirouetten. Die Überraschung dabei: Es ist wohl immer noch die klassische Sprache Petipas, aber die körperliche Linie, die Aura des Tanzens ist heutig.
Den Tanz in die natürliche Bewegung holte dann – barfuß und in griechischen Tuniken – die Amerikanerin Isadora Duncan (1877–1927). Ivan Liska und seine bereits verstorbene Frau Colleen Scott haben mit choreografischem Material von Duncan und dem Meisterchoreografen Frederick Ashton die Ausdruckstänzerin zurückgeholt mit dem Stück „3 Isadoras“. Zu Brahms schwebt die Tänzerin Danielle Beskur über die weite Bühne, immer in natürlich fließender Bewegung.
Quasi schrittweise wird also das Publikum hingeführt zu den modernen Formen des Tanzes. „Waltzing Through“, eine Uraufführung für die Ballettakademie von Lida Doumouliaka zu Maurice Ravels „La Valse“ (1919-1920), erspürt die zwiespältigen Stimmungen der Zeit: die feiernde Belle Époque und doch noch die Nachwehen des Ersten Weltkriegs. Wir sehen 22 Akademie-ler in schwelgendem Walzer, die sich dann in einer zerbrechenden Gesellschaft verlieren. Eine Kreation für die Akademie ist auch Craig Davidsons „Framed Freedom“. Der weltweit gefragte Australier und Wahl-Berliner erhielt 2009 für seine Rolle in William Forsythes „Impressing the Czar“ einen Preis der Dance Europe Critics. Seine Kreation jetzt „untersucht das Spannungsfeld zwischen Struktur und Freiheit“. Zum Abschluss Marco Goeckes „Devil’s Kitchen“. Mann, Mann, diese Choreo ist echt eine Teufelsküche. Egal ob weiblich oder männlich: Bei Goecke kippt der Torso, knicken die Knie ein, zucken die Arme, flattern die Hände, zittern die Finger. Auch bei Paar-Begegnungen. Und alles immer in einem Affentempo. Goecke ist stilistisch schon um Meilen weiter als jede Ultra-Moderne. Seine Robotikwesen sind offensichtlich von einem anderen Stern. Pink Floyd passt dennoch optimal. Das Beste an seinen extraterrestrischen Wunderwerken: Man hat sie nie zu Ende gesehen.MALVE GRADINGER