Gut möglich, dass der trennende Orchestergraben den Dirigenten vor Schlimmerem bewahrt hat. „Fidelio“, erstes Finale, und René Pape alias Rocco verliert hörbar die Geduld. Mit verschränkten Armen röhrt er „Des Königs Namensfest ist heute“ nach vorn. Das klingt nicht nach Hochgefühl, das ist Wut. Pape, in Ehren ergrauter Bass-Recke und mit einem hochplausiblen Rollen-Porträt unterwegs, braucht etwas Lotsenhilfe. Das kann auch anderen passieren, in der Opernwelt wird dies vom Mann oder der Frau am Pult abgefangen.
Doch bei dieser Wiederaufnahme an der Bayerischen Staatsoper steht da Yoel Gamzou. Der hat beschlossen, das ganz große Beethoven-Ding zu drehen. Hier eine ungewöhnliche Verbremsung, da ein unvermittelter Tritt aufs Gaspedal, dort eine plötzliche Hervorhebung. Gewiss: Gamzou kennt seinen „Fidelio“. Doch was der israelisch-amerikanische Dirigent hier anstellt, rundet sich nie zur Interpretation, ist vielmehr Exzentrik und eitel ausgestellte Detailware. Das Ergebnis: Sängerinnen und Sänger sind aufs Höchste irritiert, der Laden fliegt fast auseinander, man wartet zweieinhalb Stunden auf den Schmiss. Das geht so weit, dass Gamzou per Fingerzeig dem Ensemble signalisiert, ob er jetzt halbtaktig dirigiert oder den Takt in vier Schläge unterteilt. Das nächste Mal vielleicht eine Lautsprecherdurchsage?
Abgesehen davon, dass die Inszenierung von Calixto Bieito schlecht gealtert ist: Auf Staatsopern-Niveau singen an diesem Abend nur drei. Das ist vor allem Benjamin Bruns, bei dem sich Mühelosigkeit in kniffligen Lagen mit Textbewusstsein verbindet: So selbstverständlich, unerschrocken und klug reflektiert klingt der Florestan fast nie. Alexander Grassauer, am Gärtnerplatz sozialisiert, macht aus dem Minister kurzzeitig eine Hauptpartie. Sein Bassbariton tönt nach Warmblüter, zugleich gibt es da ein erhebliches Kraftpotenzial – kein Wunder, dass der Mann nach Wagner drängt. Sobald Mirjam Mesak singspielend die Bühne betritt, sticht sie die Protagonistin aus: Johanni van Oostrum (Leonore/Fidelio) ist kaum rollendeckend, muss tricksen und Töne weglassen. Auch Josef Wagner bleibt als Pizarro kleinformatig. „Fidelio“ zum Abgewöhnen, eine Ernüchterung 24 Stunden nach der „Rigoletto“-Premiere. Und eine Aufführung, die mit Blick auf den Dirigenten ganz andere Gedanken provoziert: über wunderliche Karrieren und (zu) mächtige Agenturen.MARKUS THIEL