Autorin Siri Hustvedt, porträtiert von ihrem Schwiegersohn. © Spencer Ostrander
Literaten-Traumpaar: 43 Jahre währte die Ehe von Siri Hustvedt und Paul Auster – er starb am 30. April 2024. © Bruce Davidson/
Er hatte ihr es angekündigt. Warum also sollte Siri Hustvedt überrascht gewesen sein, als ihr Mann Paul Auster plötzlich neben ihrem Bett stand, kurz nach seiner Beerdigung? „Ich will ein Geist sein.“ So seine Worte einige Zeit zuvor. Weil er nachsehen wollte, wie es Siri nach seinem Tod ging. Eine Begegnung zwischen Spüren und Spiritismus, auch andere haben das erlebt. „Anwesenheiten“ nennt sich dieses Phänomen, Hustvedt schreibt nicht nur über eigene Erfahrungen (dazu zählt der Zigarren-Geruch im Haus), sie führt auch Beispiele aus der Literatur an.
Erzählungen aus dem Krebsland
Deshalb der Titel dieses Buches, „Ghost Stories“. Ein Buch, dies gleich vorab, das irritiert, interessiert, verstört, besonders aber erschüttert. 1981 lernten sich Siri Hustvedt und Paul Auster bei einer Lesung kennen, sie 26, er 34. Was folgte, waren 43 Ehejahre, bis Auster aus dem „Krebsland“, so nannten beide diesen Zustand, nicht mehr hinausfand. Am 30. April 2024 starb er in ihrem gemeinsamen Haus in Brooklyn nicht nur an Tumoren, die sich von der Lunge her ausbreiteten, auch den starken Medikamenten konnte er nichts mehr entgegensetzen.
„Ghost Stories“ macht oft fassungslos, weil man das Buch selbst nicht fassen kann. Tagebuch-Einträge, Briefe und Karten, die sich beide schickten, dazu Mails an den Freundeskreis, Erinnerungen an Gespräche, Theoretisches über den Trauerprozess, Philosophisches, dazwischen Reflexionen Siri Hustvedts in einem lakonischen bis beherrscht-emotionalen Stil, aus dem ihre Gefühlswelt umso stärker hervortritt: Diese 400 Seiten sind ein Hybrid. Ein Stückwerk, dem man die kunstvolle Dramaturgie nicht sofort anmerkt. Zugleich ein zutiefst privates Buch. Ein intimer Einblick in das Leben zweier Star-Literaten, die sich nie als Konkurrenz empfanden.
„Siri ist einer der klügsten Menschen, die mir je begegnet sind“, hat Auster gesagt. „Sie ist die Intellektuelle in der Familie, nicht ich.“ Dass Hustvedt gern als Nummer zwei hinter ihrem Mann wahrgenommen wurde, hat sie irgendwann (mit Zynismus) akzeptiert. Ihn machte es wütend, beide empfanden sich auf Augenhöhe. Das ging so weit, dass sich ihre Bücher überschnitten und Figuren aus dem einen im anderen auftauchten. Beide lebten nicht in Symbiose, sie lebten ihre Symbiose. Hustvedt und Auster waren ihre besten Lektoren und Kritiker, wenn sie sich, beide in Sesseln sitzend, ihre Manuskripte vorlasen. Der intellektuelle Austausch war nicht nur Selbstverständlichkeit, sondern auch, Hustvedt beschreibt das offen, Teil ihrer ehelichen Erotik.
„Paul sagte einmal: Wenn wir noch hundert Jahre länger zusammenleben, würden wir zu ein und derselben Person werden“, heißt es in „Ghost Stories“. Nicht ums „Wir“ geht es in dieser Beziehung, sondern um ein alles verschmelzendes „Und“. Obwohl nicht alles rosarot war: Da gab es auch Streit. Und die Mischung aus Bescheidenheit und offensivem Selbstbewusstsein des Mannes machte es nicht einfach. Eines Tages wurde Siri Hustvedt von Paul Auster verlassen. Sie schrieb zwei Briefe, zwei außergewöhnliche Liebeserklärungen (auch sie sind abgedruckt) – und hatte Erfolg.
„Die Witwe braucht Therapie“, schreibt Hustvedt gleich im Prolog, um dann Austers letzte Monate, die Hoffnungen und Rückfälle, auch die Anfänge ihrer Liebe zu protokollieren, ohne voyeuristisch zu werden. Viele werden sich in ihren Gedanken, Gefühlen und Handlungen wiederentdecken. Wir werden Zeugen ihrer Bewältigungsarbeit, auch ihrer Suche nach Nähe, wenn sie die Jacke und den Pullover ihres verstorbenen Mannes trägt. Warum der Krebs kam? Gewiss lag es am exzessiven Rauchen. Aber da gab es auch ein Familienereignis, das in Auster ein nie bewältigtes Trauma auslöste. Sein Sohn aus erster Ehe, David, geriet nicht nur auf die schiefe Bahn, er stürzte ab. Eines Tages wurde seine Tochter Ruby, Austers zehn Monate junge Enkelin, tot aufgefunden, in ihrem Blut war Heroin und Fentanyl.
Letzte Briefe an den Enkel Miles
Umso wichtiger für Auster die Erfahrung gegen Ende seines Lebens. „Ist es möglich, Winkel des Glücks zu bewahren?“, fragt Siri Hustvedt einmal im Buch. Es passierte tatsächlich: Auster erlebte noch die Geburt seines Enkels Miles, Sohn von Sophie, der gemeinsamen Tochter mit Hustvedt. Ihm schrieb er in seinen letzten Wochen Briefe, für später, adressiert an den fast erwachsenen Miles. Auster erzählt ihm von sich, von der Familie, von seinen Ahnen, von der politischen Situation. Die Briefe sind Austers letzte Werke, sie zerreißen einem das Herz. „Wir – Paul und ich mit ihm – machen weiter mit dem Weitermachen“, so hat es Siri Hustvedt formuliert, als sie im gemeinsamen Krebsland lebten. Nun hat sie allein weitergemacht. Mit einem Buch des Todes – und der Hoffnung.MARKUS THIEL
Siri Hustvedt:
„Ghost Stories“. Aus dem Englischen von Grete Osterwald und Uli Aumüller. Rowohlt, Hamburg, 400 Seiten; 25 Euro.
Lesung am 28. März, 19 Uhr, in der Ludwig-Maximilians-Universität, Große Aula; mit dabei Maria Furtwängler und Susanne Becker (Moderation); Karten unter Telefon 0761/88 84 99 99.