Lahav Shani ist ab September Chefdirigent. © Co Merz
Ein Herz und eine Seele: Lahav Shani mit den Philharmonikern in der Halle E des Interimsquartiers HP 8. © Tobias Hase
Eine Art ersten Kuss gab es im September 2022. Damals war Lahav Shani auf einer Schweiz-Tournee der Münchner Philharmoniker eingesprungen. Und das Ensemble, frisch verliebt, feierte in der Hotel-Lobby eine Party „wie in einem Schulorchester“. So erinnert sich Klarinettistin Alexandra Gruber, Mitglied im Philharmoniker-Vorstand. Weitere Konzerte folgten, dann die Vertragsunterzeichnung, die absurde, anti-israelisch motivierte Ausladung beim Festival von Gent (die alle nur noch weiter zusammenschweißte) – und jetzt geht es endlich los. Lahav Shani beginnt in diesem September seine Amtszeit als Chefdirigent.
Acht Programme wird er in der Spielzeit 2026/27 dirigieren. Und die Eröffnungsabende vom 17. bis 20. September sind schon mal sehr biografisch geprägt. „Ich wollte ein Stück auf Hebräisch“, sagt Shani, der 1989 in Tel Aviv geboren wurde. Aufgeführt werden daher Leonard Bernsteins „Chichester Psalms“, dazu Maurice Ravels Klavierkonzert (mit Martha Argerich) und „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinsky. Mit 14, so erzählt Shani auf der Programmvorstellung, habe er sich die Partitur des „Sacre“ gekauft und zwei Wochen nichts anderes gemacht, als die Noten zu lesen: „Das Stück ist ein Grund, warum ich Dirigent geworden bin.“
Ein Nerd scheint Shani jedenfalls nicht geworden, allgemein wird gelobt, wie sehr er auf Augenhöhe mit den Philharmonikern arbeite. Überhaupt ist er mit den meisten schon per Du. Ein paar Neuerungen führt er ein, unter anderem soll es jede Saison eine konzertante Oper geben. Gestartet wird mit „Herzog Blaubarts Burg“ von Bartók, es singen Elīna Garanča und Christian van Horn.
Am Pult stehen in der kommenden Spielzeit unter anderen Ehrendirigent Zubin Mehta (er wird Ende April 90), Anja Bihlmaier, Thomas Hengelbrock (mit Chorwerken von Mendelssohn und Schumann), Andris Nelsons, Nathalie Stutzmann, Marie Jacquot und Senkrechtstarter Klaus Mäkelä (mit Beethovens Missa Solemnis). Shani selbst ist zu erleben mit Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“, Bruckners Vierter, Schuberts großer C-Dur-Symphonie (Anne-Sophie Mutter spielt dazu das Brahms-Violinkonzert) oder Mahlers Vierter, die mit zwei Werken von Paul Ben-Haim gekoppelt werden. Letzterer wurde 1897 als Paul Frankenburger in München geboren, 1933 emigrierte er nach Tel Aviv.
Vom vergangenen September bis diesen März verzeichnen die Philharmoniker eine Auslastung von 90 Prozent. Intendant Florian Wiegand prognostiziert, diese ab nächster Saison steigern zu können – auch, weil endlich der Chefdirigent inthronisiert ist. Elf Prozent der Besucherinnen und Besucher kommen über das U-30-Ticket in die Konzerte, was bedeutet: Das Publikum hat sich deutlich verjüngt. Dazu trägt auch das umfangreiche Kinder- und Jugendprogramm bei, die Uraufführung eines Familienmusicals ist nur ein Baustein davon.
Nicht alles ist eitel Wonne, die Philharmoniker müssen auch mit den eklatanten Finanzkürzungen seitens der Stadt kämpfen. „Wir wollen nicht am Angebot und an der künstlerischen Qualität sparen“, sagt Wiegand. Also müsse man sich der Einnahmen-Seite zuwenden. Der Intendant hat sich daher auf die Suche nach neuen Mäzenen gemacht. Außerdem werden in der kommenden Spielzeit die Preise um durchschnittlich sechs bis sieben Prozent angehoben. Wiegand weist darauf hin, dass die Ticketpreise in den vergangenen 15 Jahren nur um elf Prozent gestiegen seien. Außerdem würden vor allem die oberen Kategorien teurer, die unterste gar nicht, ebenso die U-30-Tickets.
Zum Thema Gasteig-Sanierung geben sich die Philharmoniker optimistisch. Kulturreferent Marek Wiechers geht davon aus, dass im Frühjahr 2027 das endgültige Votum zur Generalsanierung fällt. Das Interimsquartier der Isarphilharmonie „kann man nicht Zuhause nennen“, sagt Lahav Shani. Er hoffe, dass man „schnellstmöglich“ in den renovierten Gasteig zurückziehen könne. Wiegand sekundiert: Die Verhältnisse in der Isarphilharmonie seien besonders neben und hinter der Bühne „unfassbar eng“. Es gebe kaum Räumlichkeiten für Aktivitäten außerhalb der Konzerte.
Was die Philharmoniker auch spüren: Seitdem feststeht, dass Lahav Shani Chef wird, sind sie international gefragter denn je. Knapp über 30 Abende wird man in der nächsten Saison auf Tourneen bestreiten. So viel sind es laut Wiegand zuletzt 2007 gewesen. Die Reisen führen in die großen Säle Europas, nach Aix-en-Provence (vor man eine dreijährige Residenz vereinbart hat), aber auch, mit Anne-Sophie Mutter, in die USA, nach Florida und nach New York. Die Mitglieder des Orchesters dürfen schon einmal ihre Social-Media-Accounts auf kritische Kommentare durchforsten – damit das Trump-Land ihnen überhaupt die Grenze öffnet.MARKUS THIEL