Mit Neugier und Lust auf einen guten Abend: Boxwerk-Chef Nick Trachte (vorne) hat den Jazzmusiker Claus Raible verpflichtet. Er spielt an diesem Sonntag. © NOTOPOULOS STEPHANOS
Eigentlich muss man den Pianisten Claus Raible in München nicht extra vorstellen. Die mühelose Eleganz seiner Phrasierung, der harmonische Reichtum und der rhythmische Drive seiner Improvisationen sind oft genug gelobt worden. Doch gemessen an seiner Könnerschaft und dem internationalen Renommée, das er sich damit erspielt hat, tritt der 58-Jährige in seiner Wahlheimat eher selten auf. Am Sonntag ist im Boxwerk wieder einmal Gelegenheit, Raible als Leiter eines eigenen Quintetts live zu erleben. Zeit für ein Gespräch mit dem auch als Komponisten profilierten Tastenvirtuosen, der sein Wissen auch an der Münchner Hochschule für Musik und Theater (HMTM) an Studierende weitergibt.
Ihre Liebe gilt vor allem dem Bebop. Was macht für Sie die anhaltende Faszination dieses ersten modernen Jazzstils aus?
Eigentlich ist es sogar noch mehr als Faszination. Für mich ist diese musikalische Sprache die Essenz des Jazz in seiner pursten Form – mit all seinem Facettenreichtum, seiner Sophistication und spirituellen Tiefe, aber auch mit seinen Ecken und Kanten. Auf alle Fälle beziehen wir uns mit unserer Musik auf die afroamerikanischen Wurzeln des Jazz, was in Europa mittlerweile leider zumeist völlig vergessen wird.
Was macht die besonderen Qualitäten Ihrer Mitspieler aus und wie lange spielen Sie schon mit ihnen zusammen?
Den Altsaxofonisten Brad Leali kenne ich am längsten. Wir haben uns Anfang der 1990er-Jahre getroffen, als ich in New York gelebt habe. Seither verbindet uns eine enge musikalische Freundschaft, aus der zahlreiche internationale Tourneen und Produktionen hervorgegangen sind. Mit Steve Fishwick, einem der herausragenden Trompeter der britischen Szene, habe ich ebenfalls seit vielen Jahren eine Reihe gemeinsamer musikalischer Projekte. Bassist Miloš Čolović und Schlagzeuger Xaver Hellmeier bilden unter anderem auch die exzellente Rhythmusgruppe meines aktuellen Trios. Es sind durchweg Spitzeninstrumentalisten aus verschiedenen Nationen und Generationen – entscheidend ist jedoch vor allem die besondere musikalische Chemie zwischen uns.
Welches Repertoire erwartet das Publikum im Boxwerk? Wie ist das Verhältnis von Eigenkompositionen zu Coverversionen?
Der überwiegende Teil des Programms besteht aus eigenen Kompositionen, die gegen Ende des Jahres auch auf einer neuen Produktion erscheinen werden. Daneben stehen einige wenige Bearbeitungen sogenannter Jazzstandards auf dem Programm. Von „Coverversionen“ würde ich allerdings nicht sprechen: Der Begriff stammt aus der Popmusik und beschreibt dort etwas anderes. Wenn etwa Thelonious Monk Kompositionen von Duke Ellington spielt, würde man ebenso wenig von einer Coverversion sprechen wie bei einem Pianisten, der Chopin oder Brahms interpretiert.
Das Boxwerk gehört nicht zu den klassischen Jazzadressen Münchens. Wenn nun Zuhörer kommen, die Ihre Musik noch nicht kennen oder überhaupt wenig Jazz-Erfahrung haben – worauf sollten sie achten?
Eigentlich müssen sie nichts mitbringen außer Neugier – und die Lust auf einen guten Abend. Unsere Musik richtet sich nicht in erster Linie an Experten. Im Boxwerk finden regelmäßig kulturelle Veranstaltungen statt, Initiator Nick Trachte ist hier mit bemerkenswertem Engagement aktiv. Mit viel Liebe zum Detail hat er zudem großen Wert auf Ausstattung und Gestaltung gelegt. Übrigens: Der Boxring im Saal ist der originale Ring der Olympischen Spiele von 1972 in München. In diesem besonderen Industriedesign-Ambiente entsteht so ein Konzerterlebnis, das auch atmosphärisch seinen ganz eigenen Reiz entfaltet.
Konzert
Das Claus Raible Quintet spielt an diesem Sonntag, 19 Uhr, im Münchner Boxwerk, Schwindstr. 14. Karten an der Abendkasse sowie unter www.boxwerk.de.