Ludwig I. noch als Kronprinz. © Renate Kühling, Michael Hopf
„Verlorene Unschuld“ von Moritz von Schwind.
Ehrlich religiös: „Kruzifix in der Berglandschaft“, gemalt von der Blauen Reiterin Marianne von Werefkin. © privat
„Himmlisches Wiedersehen“ ist der Übertitel der neuen Ausstellung im Freisinger Diözesanmuseum, die sich unter dem Motto „Von Ludwig I. zum Blauen Reiter“ mit Kunst, Kirche, Religion und Politik im Bayern des 19. Jahrhunderts auseinandersetzt. So ganz himmlisch hat es zwischen den vier Bereichen nicht geklappt. Es knirschte, Reibungshitze entstand und am Ende Reibungsverluste bis zur fast kompletten Entfremdung. Trotzdem hat das Kuratorenteam Carmen Roll und Steffen Mensch (Co-Kuratorinnen Annegret Hoberg und Gabriele Koller) um Museumschef Christoph Kürzeder ein echtes „Himmlisches Wiedersehen“ zu bieten.
Von Ludwig I. zum Blauen Reiter
Am Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die Künstlerinnen und Künstler von der Kirche gelöst hatten (oder eher umgekehrt), wurden christliche Motive spannend, weil man sie frei interpretieren konnte. Lovis Corinth tut das bei einer Grablegung Christi aufwühlend dramatisch im Ausdruck und technisch ungeniert gemalt, Johann Caspar Herterich inszeniert eine herzensfröhliche Wiederbegegnung im Himmel. Petrus fuchtelt mit seinem Schlüssel herum, die turbulente Stimmung des glücklichen Treffens mit Verstorbenen will er aber im Grunde nicht dämpfen. Wer grantig oder depressiv ist, sollte sich dieses pfiffige Bild anschauen. So sollten Kirche und ihre Vertreter sein, meint die implizite Kritik von 1899.
Zugegeben, knapp 100 Jahre früher hatte die katholische Kirche in Bayern nichts zu lachen. Die Säkularisation brach über sie herein. Materielles und Immaterielles zog der Staat ein oder vernichtete es. Auch die Diözese musste bluten, Freisings Dom verlor 1803 seinen Rubens (Maria als apokalyptisches Weib) und behalf sich 1886 mit einer arg harmlosen Himmelfahrt-Madonna von Ludwig von Löfftz. Sie empfängt nun die Gäste in der Halle des Museums auf dem Freisinger Domberg als heftiger Kontrast zu Berlinde de Bruyckeres Elendsgestalt „Arcangelo“. Wer dadurch noch nicht neugierig genug ist, wird es im Eingang zu Sonderschau werden.
Ein animierter Film entführt in das sich rasend wandelnde 19. Jahrhundert. Biedermeier-Eleganz und vollgestopfte Salons, die sausenden Räder von Dampfmaschinen, Revolutionsfeuer, Menschen flanieren durch Münchens Glaspalast, und schließlich tauchen wir in eine knallfarbige Berglandschaft mit Kruzifix, gemalt von der Blauen Reiterin Marianne von Werefkin. Nach diesem Einstieg folgt die chronologische Ordnung. Ludwig I. tritt auf. Er versucht, die Wunden der Säkularisation zu heilen. Religiöse Bräuche, Kunst und Kirche sind für das junge Königreich nach den napoleonischen Kriegen identitätsstiftend. Und gerade die Kunst poliert das Image des schwachen Landes auf. München wird mit tollen Bauten, tollen Künstlern und mit wichtigen Wissenschaftlern interessant gemacht.
Das alles verzeichnet die Exposition mit Gemälden, Architekturmodellen, Kunsthandwerk für Kirchenausstattungen. Die Romantik hatte einen umfassenden Kunstbegriff, sah die Gegenwart kritisch und blickte aufmerksam in die Vergangenheit. In ihr fanden die Mitglieder des Lukas-Bunds (bekannt als Nazarener) die „wahre“ Malerei in Rom insbesondere bei Raffael. Sie hatten genauso wie die neue Vorliebe für die Gotik (so wie man sie sehen wollte) eine enorme Wirkung; etwa auf Maria Ellenrieder und Emilie Linder, Peter von Cornelius und Johann Friedrich Overbeck. Der Liebfrauen-Dom in München wurde regotisiert, und die Mariahilfkirche gleich neugotisch erbaut.
Die Künstler bleiben im Gegensatz zu vielen Kirchenleuten ästhetisch und seelisch nicht stehen. Im Realismus und Frühimpressionismus sieht ein Carl Spitzweg den erbarmungslosen Beichtvater, Moritz von Schwind ein verzweifeltes, wegen Sex ausgegrenztes Mädchen, und Fritz von Uhde schockt mit radikal in eine erbarmungslose Gegenwart gesetzte Bibelszenen. Symbolisten wie Gabriel von Max oder Franz von Stuck entdecken danach in religiösen Motiven die Möglichkeit, unter die Haut gehende Gefühlszustände darzustellen, zu provozieren und gut zu verkaufen.
Da war der verpönte Blaue Reiter ehrlicher religiös. Ob Franz Marc, ob Wassily Kandinsky, ob Gabriele Münter, für sie zeigt die christliche Volkskunst die Wahrhaftigkeit des Christentums. Kuratorin Hoberg kombiniert nicht umsonst Werke der Spitzen-Avantgarde mit bayerischen Hinterglas- und Votivbildern. Hier stimmt das „Himmlische Wiedersehen“ vollkommen.SIMONE DATTENBERGER
Informationen:
17. März bis 26. Juli, Di.-So.
10-17 Uhr; Tel. 089/213 77 42 40; www.dimu-freising.de; Katalog, Verlag Schnell & Steiner: 29 Euro.