NACHRUF

Der Denker der Republik

von Redaktion

Zum Tod von Jürgen Habermas: Erinnerung an einen Hausbesuch in Starnberg

Ein großer Aufklärer: Jürgen Habermas (1929-2026) legte 1962 seine Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ vor. © Martin Gerten/dpa

Große Fensterfronten, klare Formen, moderne Kunst: Hier ist Platz für hellsichtiges Denken, für kritische Einsprüche und mutige Entwürfe. Bald 50 Jahre lebte und arbeitete Jürgen Habermas in Starnberg; 2009 verlieh die Stadt ihm die Ehrenbürgerwürde. Schnörkellose architektonische Moderne in bester Wohnlage, die sich auch in der Klarheit der Gedankenwelt des nun mit 96 Jahren gestorbenen Philosophen widerspiegelte. Im November 2019, kurz nach Erscheinen seines zweibändigen Werkes „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (wir berichteten), lud Habermas zu einem „Privatissimum“ über das Zueinander von Glauben und Wissen. Eine Erinnerung aus Anlass seines Todes am vergangenen Samstag:

Wir sind verabredet zu einem seltenen Gesprächstermin – mit Jürgen Habermas. Ein dreistündiger Philosophie-Crashkurs bei Kaffee und Kuchen sowie mit „leichtem Gebäck“, wie er vorher extra schreibt. Doch was Habermas da entfaltet, im Gespräch wie auch in seinem 1.750 Seiten starken Werk, ist alles andere als leichtes Gebäck, sondern Schwarzbrot fürs Hirn. Es geht ihm um nicht weniger, als den dunklen Wurzelgrund der abendländischen Philosophie auszuleuchten; also jene Diskurs-Konstellationen zu rekonstruieren, durch die hindurch sich das säkulare Denken aus dem Klammergriff von Religion und Theologie befreite und zur Ausbildung der modernen libertären und säkularen Philosophie beigetragen hat.

Habermas berichtet von beglückender Quellenlektüre, von Klassikern der Philosophie- und Religionsgeschichte, die er teils überhaupt zum ersten Mal, teils erstmals seit Studientagen wieder gelesen hat. Zugleich wisse er um die große Schwäche des Entwurfs: nämlich den eklatanten Mangel an Sekundärliteratur. Ihm habe schlichtweg die Kraft gefehlt, auch dies noch einzuarbeiten.

Tief sinkt der Denker ins Sofa, hinter ihm hängt wandfüllende moderne Malerei. Kurzes Verschnaufen bei einem Schluck Kaffee. Der Blick wandert entlang wohlgeordneter Bücherwände. Nur einzelne ins Auge stechende Publikationen wie ein abgegriffener Band „Protest!“ oder ein Stapel „Frankfurter Hefte“ auf dem Couchtisch erinnern daran, dass die augenscheinliche Bürgerlichkeit zugleich den Schutzraum für freies, alle bürgerliche Spießigkeit durchbrechendes Denken darstellt.

Parallelen zu Horkheimer und Adorno, den großen Lehrern von Jürgen Habermas, drängen sich auf. Auch ihnen bot die bürgerliche Herkunft jenen Freiraum, den es braucht, um aus der philosophischen Tradition Funken zu schlagen für eine Neuorientierung in einer aus den Fugen geratenen Moderne. Und wie bei Adorno und Horkheimer, so drängt auch beim späten Habermas die Religion immer wieder stärker in den Fokus. „Einspruch!“, ruft der angesichts dieser Lesart dazwischen – und man merkt sein Unbehagen, sich öffentlich zum Thema Religion zu äußern. Schließlich sei er nicht nur religiös weitgehend unmusikalisch; er möchte jeden Eindruck vermeiden, der ihn als altersfrommen Denker erscheinen lässt.

Zugleich räumt Habermas ein, dass er von der Lektüre religiöser Klassiker viel gelernt habe – als Philosoph. Aha-Erlebnisse nötigten ihm etwa die Augustinus-Lektüre ab, ebenso jene Luthers oder Karl Rahners. Es habe ihn beeindruckt, wie stark die Theologie selbst in den Diskurs nachmetaphysischen Denkens verwoben war – und wie wichtig es aus philosophischer Sicht sei, den Blick weit zu halten und auch an jene Bereiche, die früher Metaphysik genannt wurden, zumindest als Wissensbestand zu erinnern, aus dem sich die Vernunft herausgeschält hat.

Nach drei Stunden sind Kaffee und Kuchen verzehrt – und der Kopf so erschöpft wie erfüllt. Am Bahnsteig in Starnberg schlägt die Kirchturmuhr und ruft zur Abendmesse, so als wollte sie die Thesen des Philosophen augenzwinkernd kommentieren.HENNING KLINGEN

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