Eine Art Hoffnung

von Redaktion

Serge Dorny über die nächste Saison an der Bayerischen Staatsoper

Interview im Büro des Opernchefs: Serge Dorny und Kulturredakteur Markus Thiel. © Geoffroy Schied

„Wie geht der Mensch mit einer Macht um, die größer ist als er selbst?“ Auch darum, so sagt Intendant Serge Dorny, dreht sich die nächste Spielzeit. © Geoffroy Schied

Das Motto der nächsten Saison stammt von Richard Wagner, doch der hat die Wörter letztlich aus seiner „Götterdämmerung“ gestrichen: „Verging wie Hauch der Götter Geschlecht“. Die Saison an der Bayerischen Staatsoper dreht sich um die Themen Machtsysteme, Niedergang und gefährdete Ideale. Vor allem aber wird „Der Ring des Nibelungen“ abgeschlossen. In der Sparte Oper liegt die Auslastung des Hauses derzeit bei 99, beim Staatsballett sogar bei 100 Prozent.

Geht die „Götterdämmerung“ und damit der „Ring“ positiv oder negativ aus?

Der „Ring“ ist prinzipiell – und leider – ein sehr aktuelles Thema mit seiner Gier, seinem Hass. Wenn die Welt der Götter zerstört ist, heißt das aber auch, dass eine neue entstehen kann. Eine Chance. Es liegt nun an den Menschen, sie müssen die Verantwortung dafür übernehmen. Das muss kein negatives Ende bedeuten. Wir sehen nicht nur im „Ring“: Was wir lange für stabil gehalten haben, kann gefährdet sein. Wir dachten doch, wir hätten den Krieg überwunden. Es erschien unumstößlich, dass das politische Gleichgewicht und unsere Demokratien Bestand haben. Und jetzt?

Wer sind denn die heutigen Götter?

Sie sind Menschen. Wir haben die Macht, über die Zukunft zu entscheiden. Unser Motto für die nächste Spielzeit ist eine Weiterführung des aktuellen Mottos „Der Mensch ist, wozu er sich macht“, ein Leitmotiv von Jean-Paul Sartre. Das bedeutet: Nichts ist definitiv, nichts ist festgelegt, letztlich liegt es in unserer eigenen Verantwortung. Nehmen wir „Doctor Atomic“ von John Adams über die Erfindung der Atombombe: Wir haben es in der Hand, was mit diesem Wissen passiert. Mit der Kernspaltung erhielt der Mensch eine Macht, die zuvor den Göttern vorbehalten war. Wie geht der Mensch mit einer Macht um, die größer ist als er selbst?

„Doctor Atomic“, „Maria Stuarda“ oder „Koma”: Alles Stücke, die nicht gerade ein Happy End haben. Wird das eine Saison ohne positive Perspektive?

Es ist prinzipiell eine Einladung zum Nachdenken. Natürlich sind das tragische Stücke, aber nicht unbedingt pessimistische. Es kann auch eine Art von Hoffnung geben – siehe „Götterdämmerung“.

Wird die Gefahr angesichts der Weltlage immer größer, dass die Menschen in der Oper, in der Kunst überhaupt nur noch Zuflucht suchen? Ein Eskapismus?

So soll es nicht sein. Unterhaltung pur: Vielleicht sind wir Theatermacher auch selbst schuld, dass wir es so weit kommen ließen.

Anna Netrebko kommt für einen Liederabend zurück. Sie haben früher Auftritte von ihr hier abgelehnt.

Wir haben vor einigen Jahren entschieden, Anna Netrebko nicht einzuladen. Die Bayerische Staatsoper hat sich immer pro Ukraine positioniert. Die Situation von Anna Netrebko hat sich allerdings geändert. Seit 2022 tritt sie nicht mehr in Russland auf. Sie hat sich vom russischen Angriffskrieg distanziert und ihre früheren Äußerungen und Handlungen als Fehler bezeichnet. Also haben wir auch unsere Haltung überprüft. Man darf prinzipiell Haltungen nicht einfrieren und muss die Dinge differenziert betrachten. Anna Netrebko wird künftig auch für Opernproduktionen eingeladen.

Mit den „Apollon Foyers“ will sich das Haus auch tagsüber öffnen, man kann in die Prunksäle, überhaupt ins gesamte Vorderhaus. Ähnliches haben Sie an Ihrer vorherigen Wirkungsstätte getan. Wird München zu Lyon 2.0?

Ich übertrage Lyon nicht auf München. Aber ich finde es wichtig, das Haus zu öffnen und damit in der Stadtgesellschaft präsenter zu machen – nehmen Sie nur die schon existierende „Apollon Stufenbar“, die es seit Nikolaus Bachler gibt. Oder an „Oper für alle“, was Sir Peter Jonas erfunden hat. Wir haben viele Projekte außerhalb des Nationaltheaters. Die Bayerische Staatsoper darf nicht nur wahrgenommen werden, als Raum für Abendveranstaltungen, sondern als Ort, den man einfach betreten kann, wo man sich treffen kann, wie auf einer Piazza.

Mitte der 30er-Jahre muss das Nationaltheater schließen für eine längere Sanierung. Gibt es Neuigkeiten in Sachen Interimsspielstätte?

Noch nicht. Was wichtig ist: Wir müssen als Staatsoper kommunizieren, was wichtig ist, um die Zukunft nicht zu gefährden. Es geht um Tradition, um Identität, Qualität, ums Repertoire, um alle Gewerke, ums Profil. Die Sanierung ist womöglich erst 2045 zu Ende. Das ist eine sehr einschneidende Phase. Die Welt wird sich bis dahin sehr geändert haben. Wir müssen uns natürlich auch Kostenfragen stellen. Aber: Wir müssen die Präsenz der Bayerischen Staatsoper erhalten. Kulturinstitutionen sind und bleiben Plätze, an denen eine Gesellschaft zusammenkommen kann. Und das wird in der Zukunft noch wichtiger. Wir leben in einer Gesellschaft, die vereinzelt. Aber wo sind die Orte, an denen wir uns noch versammeln können? An denen wir Gemeinsamkeit erleben können?

2029 wird Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski die Staatsoper verlassen. Wann fällt eine Entscheidung über die Nachfolge?

Wir gehen davon aus, dass es in der kommenden Spielzeit sein wird.

Und wie realistisch ist es, dass Sie Intendant der Salzburger Festspiele werden?

Ich bin an der Bayerischen Staatsoper. Das ist mein Projekt.

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