Frühlingserwachen im Frack

von Redaktion

André Rieu bringt eine Ode an die Walzerfreude nach München

Nein, es gibt natürlich keine niederländische Bauernregel, in der es heißt: „Spielt der André Johann Strauss, ist der Winter bald schon aus.“ Denkbar wäre eine solche „Volkswijsheid“ schon. Denn pünktlich wie die Schneeglöckerl lädt André Rieu, der fidele Fiedler aus Maastricht, jeden Frühlingsanfang zu Münchens schönster Fracksause in die Olympiahalle ein. Die war auch heuer mit 10.500 Musikbegeisterten wie immer ausverkauft. Und wie immer, frag nach bei Beethoven, war der Abend eine Ode an die Walzerfreude.

Seit vier Jahrzehnten reist Rieu mit seinem Johann Strauss Orchester um die Welt. In München plauderte er gewohnt charmant über die Anfänge in einer Schule in Maastricht – in den Weihnachtsferien, als der Hausmeister die Heizung ausgeschaltet hatte: „Es war so kalt. Aber meine Frau Marjorie hat heiße Suppe für alle gekocht.“ Teun Ramaekers an der Querflöte und Margriet van Lexmond am Cello haben die Kälte überstanden und sind bis heute dabei – wie Marjorie, denn ihr André mag es beständig. Natürlich bittet er zum Tanz „An der schönen blauen Donau“. Und natürlich sind die „Platin Tenors“ mit Gary Bennett, Béla Mavrák und Serge Bosch am Start – diesmal mit dem Italienklassiker „Tiritomba“. Gleich darauf werfen sie sich die weißen Seidenschals über, es geht mit Franz Lehár zum Schwofen ins Maxim.

Die liebgewonnenen Rituale sind hier beinahe so wichtig wie die Musik. Der Abend wäre nicht amtlich gültig, wenn Rieu nicht die Nachzügler mit hochgezogener Augenbraue tadeln würde: „Sie sind zu spät!“ Den einen oder anderen Satz können die Rieu-Enthusiasten, viele überraschend jung, längst auswendig mitsprechen. Das stört aber keinen. Man möchte ja auch nicht, dass Miss Sophie beim „Dinner for One“ plötzlich etwas anderes sagt als „The same procedure as every year“.

Und es gibt ja jedes Jahr Neues, Staunens- und Liebenswertes beim Maestro. Einer der Stars kommt aus München. Ludwig Biegel sorgt an der Zither für eine Riesengaudi. Bei den „G’schichten aus dem Wienerwald“ ist er schwer unterfordert, weil an seinem Instrument bei dieser Strausserei nicht viel zu tun ist. Und so gönnt er sich ein Schnapserl, schäkert mit den Musikerinnen und macht Selfies. Beim „Dritten Mann“ darf Ludwig dann zeigen, was er kann – auch wenn Teun Ramaekers vorwitzig dazwischenflötet. Gegen Ende sorgt der „Schneewalzer“ für wahre Lawinenabgänge aus weißen Papierschnipseln. Aber den André-Rieu-Frühling kann auch dieser späte Wintereinbruch nicht aufhalten. „Wollen wir nochmal 40 Jahre drauflegen?“, erkundigt sich der 76-Jährige bei seinen Fans. Aber gern, mein Herr, mit Vergnügen! Met plezier, meneer!JÖRG HEINRICH

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