Siegfried Lenz 1950 auf dem Ratzeburger See. © Lenz Stiftung
Liebevoll pflegt der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe das Werk von Siegfried Lenz, seit Jahrzehnten – und seit 2014 über den Tod hinaus. Vor allem (Wieder-)Entdeckungen aus der Frühzeit des Schöpfers von „Deutschstunde“ waren das, etwa der höchst bemerkenswerte „Überläufer“, der Kinderfreund „Florian, der Karpfen“ oder Erzählungen zwischen Düsternis und Gelächter. Heute wird der 100. Geburtstag des gebürtigen Ostpreußen gefeiert, der Verlag hat sich, uns und Lenz ein spezielles Geschenk gemacht.
Neben seiner Lilo und dem Schreiben hatte der Mann noch eine dritte Passion: das Angeln. Und deswegen hat Maren Ermisch, nein, keine Angel ausgeworfen in die Tiefen des Dichter-Werks, sie brauchte schon ein mittleres Schleppnetz, um die schmackhaftesten Fische daraus in Buchseiten zu hieven. „Am Widerhaken hängt das Glück. Ein Fisch-Lesebuch“ mit sieben Aquarellen von Liselotte Lenz bereitet aber nicht nur geduldigen Jägern an der Rute und Gelegenheits-Schnürlwaschern echtes Vergnügen, sondern auch uns kulinarischen Nutznießern von Forellen und Makrelen – und Liebhaberinnen von Siegfried Lenz’ durch und durch humanem Schreiben.
Ob der Schriftsteller nun auf die Menschen schaut, die im Terror des Kriegs und der NS-Ideologie überleben wollen, ob er sie im bundesrepublikanischen Alltag begleitet oder dabei, wie sie mit einem mächtigen Wels ringen und verlieren: Er ist stets zugewandt, respekt-, ja verständnisvoll; geurteilt wird nicht, es wird differenziert, präzise erzählt und oft geschmunzelt.
Das ist nun wieder bei den gesammelten Fisch-Stücken zu erleben: ungedruckten und bekannten Erzählungen und Briefen, Romanausschnitten aus „Der Überläufer“, „Deutschstunde“ und „Die Auflehnung“, Tagebuchtexten und Typoskripten für Radiosendungen, die den jungen Autor ernährten. Immer stehen Mensch, Tier und Landschaft im Mittelpunkt. Aus diesem Dreieck entwickelt Siegfried Lenz wie von selbst die Utopie einer Beziehung, die Fisch und Strand, Meer, Fluss und Teich schützen muss.
Der Mensch darf all das nutzen, in Lenz’ Fall das Angeln, freilich nur nach genauen Regeln. Kein Wunder, dass der Jungautor 1958 begeistert Izaak Waltons Buch „Der vollkommene Angler“ von 1653 (!) ausführlich für eine Rundfunksendung aufgriff. Da wird man anglerisch und fischig (plus Kochrezepte) ausführlich informiert, der Clou ist indes Lenz’ politischer Dreh: Der vollkommene Angler sei als Retter der Welt prädestiniert, zumal „der Bestand der Welt ordentlich bedroht“ sei. Ist das heute nicht wieder enorm aktuell? So menschlich nah der Schriftsteller seinen Figuren, Verwandten und Freunden kommt und so sehr sich die Idylle fast aufdrängt, es gibt überall einen Widerhaken: Der Mann aus den Masuren hat in Schleswig-Holstein tolles Anglerglück und trotzdem furchtbares Heimweh. Die Küste ist bezaubernd, aber das Wasser dort gekippt, tot, und krank machend. Das Schreiben drängt aus dem Künstler, vollzieht sich allerdings qualvoll. Da kann nur der vollkommene Angler mit Geduld und „meditativer Genügsamkeit“ helfen, der sich energisch für Umweltschutz einsetzt.SIMONE DATTENBERGER
Siegfried Lenz:
„Am Widerhaken hängt das Glück. Ein Fisch-Lesebuch“. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 240 Seiten; 25 Euro.
TV-Tipp: Auf3sat gibt es heute einen Themenabend. Um 20.15 wird „Die Flut ist pünktlich“ gezeigt, der Film basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Lenz; um 22.25 folgt die Film-Adaption seiner Novelle „Schweigeminute“.