Das Phantom der Graffiti-Szene

von Redaktion

Britische Journalisten wollen wieder einmal Banksys Identität enttarnt haben

Dieses Graffiti-Kunstwerk, das zwei Personen darstellt und möglicherweise vom Straßenkünstler Banksy stammt, befindet sich im Zentrum Londons. © Stefan Rousseau, Youtube

Seit vielen Jahren versuchen Kunstliebhaber und Journalisten in einer Art Katz-und-Maus-Spiel aufzudecken, wer hinter dem anonymen Street-Art-Künstler Banksy steckt. Nun wollen Reuters-Reporter herausgefunden haben, wer der Künstler ist. Mal wieder, muss man sagen. Schon in der Vergangenheit meinte die Presse zu wissen, wer die Person ist, deren teuerstes Werk „Love is in the Bin“ 2021 für 21,8 Millionen Euro versteigert wurde. Musiker Robert Del Naja von der britischen Band Massive Attack stand lange unter Verdacht, genauso wie der französische Sprayer Thierry Guetta, bekannt aus Banksys Dokumentation „Exit Through the Gift Shop“.

Nun aber wollen die Journalisten Beweise dafür gefunden haben, dass ein anderer der Künstler ist: Robin Gunningham, 1973 in Bristol geboren, Sohn eines Managers und einer Sekretärin, ehemaliger Absolvent der renommierten Bristol-Cathedral-Privatschule. Sein Name fällt nicht zum ersten Mal, bereits 2008 hatte die „Mail on Sunday“ ihn nach einjähriger Recherche auf dem Zettel. Der letzte Beweis aber fehlte, und von Banksy kam damals weder Bestätigung noch Dementi.

Jenen fehlenden Beweis soll nun ausgerechnet Banksys ehemaliger Manager Steve Lazarides auf gewisse Weise geliefert haben. Aus dessen 2019 erschienenem Buch „Banksy Captured“ ging hervor, dass die Polizei Banksy 2000 in New York dabei erwischt hatte, wie er ein Werbeplakat „umgestaltete“ – und ihn wegen einer Ordnungswidrigkeit verurteilte. Die Reuters-Journalisten fanden nun die dazugehörigen Polizeiakten und darin Name und Unterschrift des Festgenommenen: Robin Gunningham. Das war nur ein Teil der Recherche, die ihren Anfang in der Ukraine nahm, wo 2022 Graffiti von Banksy auftauchten. Die Reise führte sie von dort über Jamaika bis nach New York.

Das Ergebnis: Robin Gunningham ist wohl Banksy, heißt aber nicht mehr so – wohl wegen der „Mail on Sunday“-Recherche von 2008. Stattdessen soll er seinen Namen offiziell in David Jones geändert haben. Eine Namensänderung bestätigte auch Ex-Manager Lazarides gegenüber Reuters. Es sei eine seiner letzten Amtshandlungen für Banksy gewesen, bevor die beiden sich beruflich trennten. Er nannte aber nicht den Namen David Jones. Dieser Name soll aber in Einreisedaten der Ukraine kurz vor Auftauchen der dortigen Graffiti stehen. Als weiteres Indiz diente den Reuters-Journalisten ein Foto des jamaikanischen Fotografen Peter Dean Rickards, das dieser 2004 von Banksy gemacht haben soll, als die beiden an Entwürfen für Plattencover zusammenarbeiteten. Nachdem sie sich zerstritten hatten, veröffentlichte er es, ohne aber seinen Klarnamen zu nennen.

Die Reporter verglichen diese Bilder nun mit Fotos sowie Interview-Aufnahmen von Banksy, auf denen zwar nie sein Gesicht richtig zu sehen ist, wohl aber sein braunes Haar, eine Brille, ein Ohrring im linken Ohr sowie eine auffällige Tätowierung an Banksys linkem Unterarm. Alles stimmte offenbar überein. Die Journalisten sind sich jetzt also sicher: Robin Gunningham aka David Jones steckt hinter Banksy. Der wiederum bestätigte die angebliche Identität – wie schon damals – nicht. Sein langjähriger Anwalt Mark Stephens wiederum teilte Reuters mit, Banksy halte „viele der Details nicht für zutreffend“.

Der Jurist kritisierte die „Ermittlungen“: Banksy sei „obsessivem, bedrohlichem und extremistischem Verhalten ausgesetzt“ gewesen, weshalb es notwendig sei, seine Identität zu schützen. „Anonym oder unter einem Pseudonym zu arbeiten, dient wichtigen gesellschaftlichen Interessen. Es schützt die Meinungsfreiheit, indem es Schöpfern ermöglicht, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, ohne Vergeltungsmaßnahmen, Zensur oder Verfolgung befürchten zu müssen.“HANNAH SCHEIWE

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