AUSSTELLUNG

Entlarvend gut

von Redaktion

Die Sammlung Goetz zeigt Cindy Sherman in ihrem Interim

Nur aus der Entfernung adrett – beim genauen Hinsehen erkennt man etwa die verfaulten Zähne: Cindy Shermans „Untitled #217“ von 1984. © The artist/Courtesy Sammlung Goetz

Cindy Sherman (Jahrgang 1954) als Modefotografin zu engagieren, kann mit einem Schock enden. Nur sehr mutige Fashion-Leutchen hielten ihrem Blick auf Kleidung und Menschen, die drinstecken, stand. Aus einiger Entfernung schaut die Mischung aus Weißclown und Matrose ja adrett und nett aus (1984). Wer jedoch der großen Aufnahme etwas näher kommt, ist irritiert durch das perfide Grinsen der Person. Und ganz nah – da sind die faulen Zähne nicht mehr zu übersehen. Aus dem Auftrag für die Künstlerin, die heute längst zu den Berühmtheiten unter der Künstlerschaft unserer Zeit zählt, wurde nichts. Dass Kunst Mode lustvoll in die Luft sprengen kann, zeigt jetzt die Sammlung Goetz/Schaufenster an der Münchner Pacellistraße 5.

Seit Jahren kann ihre eigentliche Galerie an der Oberföhringer Straße 103 nicht genutzt werden, weil der Bayerische Staat bei der Renovierung nicht vorwärtsmacht. Die renommierte Sammlung (wir berichteten öfters) irrt weiterhin auf der Suche nach einem Interims-Standort herum. Nun hat man sich in Ladenräumen der Neuen Maxburg etabliert, klein, aber zentral. Die zweite Ausstellung von Kurator Karsten Löckemann (mit Anna Reimnitz) pickt aus dem Sherman-Bestand von 50 Bildern einige aus der Fashion-Serie zwischen 1983 und 1994 heraus und ergänzt sie pointiert. So wird der erwähnte Clown mit dem dreifachen knallbunten, schmierig geschminkten Gesicht eines Dummen August (2004) kombiniert.

Für die US-Amerikanerin waren Kleidung, Frisur, Haltung, Ambiente zwingend mit Bedeutung aufgeladen. Im Schaufenster kann man gut verfolgen, wie sie ihre Inszenierung von einer Art nüchternen Dokumentation zur Groteske, Persiflage, Karikatur zuspitzt. All die Larven, die sich ein Mensch, eine Gesellschaft zulegt, entlarvt Sherman ausgerechnet durch die Larven selbst. Stets verkleidet und maskiert sie sich selbst, meist bis zur Unkenntlichkeit – von der braven, jungen Sportiven bis zur gealterten, ungeniert Lasziven. Die Künstlerin erkundet so sinnlich wie subversiv die Welt der Frauen und welche Bildnisse wir uns von ihnen machen. Ein Filmporträt in der Schau informiert über Cindy Shermans Arbeitsweise und Schaffen (2009). Wer sich obendrein selbst verkleiden und ablichten (alter Fotoautomat!) will, kann das in dem kleinen Studio nebenan realisieren; in ihm spielt sich auch das Jugendprogramm ab.

Da die Sammlung Goetz nun sesshaft geworden ist, gibt sie das Programm für das laufende Jahr bekannt. Sterling Ruby folgt ab 16. Juli auf Sherman. Der US-Amerikaner ist in Europa noch nicht so bekannt und arbeitet mit Materialien von Keramik bis Sprühfarbe. Danach wird wieder ein Star auftreten. Löckemann freut sich darauf, die fünf riesigen Foto-Leuchtkästen von Jeff Wall, die die Sammlung Goetz besitzt, endlich wieder präsentieren zu dürfen (ab 17. November).SIMONE DATTENBERGER

Bis 27. Juni

Di., Mi., Fr. 12-18 Uhr, Do. 14-20 Uhr, Sa. 11-17 Uhr; Pacellistraße 5; Telefon 089/95 93 96 930; Infos auch zum Begleitprogramm unter www.sammlung-goetz.de;
Bestandskatalog Cindy Sherman (Hatje Cantz Verlag): 19,99 Euro.

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