Überlebende deutsche Soldaten im Jahr 1943 nach der Kapitulation von Stalingrad. © dpa
Der bis heute öfters verklärte Ostfeldzug der Wehrmacht war ein Blutbad riesigen Ausmaßes. 5,2 Millionen Tote, Vermisste und Kriegsgefangene aufseiten der Roten Armee, 2,7 Millionen aufseiten der Wehrmacht – hinzu hunderttausende Opfer unter der Zivilbevölkerung. Der Freiburger Historiker Christian Stein untersucht in einer militärgeschichtlichen Studie nun die Etappen des Krieges. Seine These: Die Wehrmacht war weniger eine Armee des Blitzkrieges – sondern eine des Rückzugs.
Obwohl die 4. Panzergruppe der Heeresgruppe Mitte unter Ernst Hoepner nach dem Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 schon fünf Monate später die Vororte von Moskau erreichte, ging es von da an fast ständig rückwärts. Von den 47 Monaten des deutsch-sowjetischen Krieges befand sich die Wehrmacht 30 Monate lang im Rückwärtsgang, rechnet Stein vor. Wertvoll ist seine Studie, weil er die Konzepte des Rückzugs untersucht – denn die Defensive sollte keine kopflose Flucht sein, sondern war auf der Basis von Blaupausen bis ins Kleinste durchgeplant.
Es umfasste eine vorherige Erkundung des Geländes und den Stellungsbau in rückwärtigen Gebieten, um nach einem Rückzug von Truppenteilen Auffangpositionen zu haben. Deren Codenamen wie „Hagenstellung“, „Kleine Gotenstellung“ oder „Kuban-Brückenkopf“ sind bis heute in Militärkreisen bekannt. Zudem ging es der Armee um den geregelten Abtransport von Material (Verpflegung ebenso wie Panzer, Verwundete ebenso wie Personal etwa für Küchen), aber auch um die koordinierte Zerstörung von Ortschaften.
Was das hieß, verdeutlicht ein Befehl der 2. Armee von Dezember 1941: „In der Wüstenzone müssen alle Häuser dem Erdboden gleichgemacht werden.“ Und weiter: „Häuser mit Strohdächern werden am schnellsten durch Leuchtmunition angezündet. Bei Steingebäuden können Sprengungen notwendig werden.“ Hinzu kamen Plünderungen im großen Stil – waggonweise ließ die Wehrmacht Nahrung und Vorräte abtransportieren. Die Zivilbevölkerung blieb verhungernd zurück. „Rücksichtslos“ sollte das geschehen – das war eine der Lieblingsvokabeln der Kommandeure, die Stein in den Generalstabsakten gefunden hat. Nur wenige Generäle – Stein erwähnt als Ausnahme die christlichen Moralvorstellungen des Generals der 4. Armee, Gotthard Heinrici – beschlich Zweifel.
Der Historiker kann zeigen, dass die kontrollierte Flucht indes eher die Ausnahme war, die Planung hielt mit der Realität kaum Schritt. Schuld waren daran strategisch sinnlose Haltebefehle, die den Wehrmachtseinheiten anordneten, ihre Stellung unter immensen Verlusten bis zum Letzten zu verteidigen – bis es dann zu spät war für koordiniertes Zurückweichen. Der Autor arbeitet heraus, dass diese Befehle nicht allein von Hitler ausgingen, sondern auch von den Generälen. Der Grund: Die Wehrmacht hing in ihrem Selbstverständnis dem Gedanken des „Bewegungskriegs“ mit der schnellen, entscheidenden Schlacht nach – man fürchtete als „Menetekel“ das langsame Verbluten in der Defensive und hatte dabei die Verheerungen von Napoleons Feldzug nach Moskau 1812 vor Augen.
Die Studie ist im nüchternen Ton des Militärhistorikers geschrieben. Stein hat in großer Zahl Kriegstagebücher und Heeresbefehle ausgewertet. Er zitiert aber nur selten Feldpostbriefe, sodass seine Studie die Alltagserfahrungen einfacher Soldaten ausblendet. Es hätte wohl auch den Rahmen dieser Dissertation gesprengt. Auch ist die Frage, ob seine Hauptthese so haltbar ist – denn die insgesamt 17 Monate verschiedener Offensiven (Sommer 1942 etwa) blendet er weitgehend aus.
Letztlich war es eher eine Armee des „einen Schritts vorwärts, zwei zurück“. Dennoch ist es eine eindrucksvolle, phasenweise atemberaubende Arbeit, bei deren Lektüre man oft aktuelle Bezüge vor Augen hat. Wenn man bedenkt, dass die deutsche Armee bis November 1943 Kiew hielt und dann die Stadt räumte, „nicht ohne weite Teile in Schutt und Asche zu legen“ (Stein), und dass dies heute seitens Russland wieder geschieht, kann man sie nicht ohne Beklemmungen lesen.DIRK WALTER
Christian Stein:
„Armee des Rückzugs. Die Wehrmacht an der Ostfront 1941-1945“. Wallstein Verlag, Göttingen, 548 Seiten; 46 Euro.