Kein einfacher Typ: William Shatner. © VALERIE MACON/afp
Als Kinostar und Regisseur in „Star Trek V“. © Action Press
Beam mich hoch, Scotty: William Shatner als Kommandeur von Raumschiff Enterprise. © Allstar Picture Library/Paramount
War ja klar, dass William Shatner erst als Letzter die Brücke der Enterprise verlassen will. 95 Jahre wird unser aller Captain Kirk an diesem Sonntag und hat fast alle seine Besatzungsmitglieder überlebt. Gut, Sulu und Pavel Chekov treiben sich noch herum, aber die sitzt Kirk auch noch aus, darauf kann man wetten.
Das Bemerkenswerteste an Shatner ist wahrscheinlich, dass wir ihn immer noch mögen, obwohl er über die Jahrzehnte außerordentlich viel unternommen hat, um seinen eigenen Mythos zu sabotieren. All die grottigen Billigfilme, peinlichen Selbstbeweihräucherungen in Büchern und Interviews sowie himmelschreiend bizarre Pop-Platten – all das ändert nichts daran, dass Shatner, also Captain Kirk, Kommandant des Raumschiffes Enterprise, der strahlende Held unserer Kindheit, Jugend und aller sinnlosen Lebensabschnitte danach bleibt.
Denn Hallodri Shatner ist natürlich Kirk, er hat ihn nicht gespielt. Ein leicht großspuriger Bruder Leichtfuß, dem man wegen seines Talents zur Selbstironie viel nachsieht, selbst wenn er inmitten einer galaktischen Raumschiffschlacht einem weiblichen Besatzungsmitglied unverschämt lange hinterherblinzelt.
William Shatner, 1931 als Sohn jüdischer Immigranten aus Osteuropa ins sinnenfrohe Montréal hineingeboren, kokettiert, obwohl schon seit Ewigkeiten in Kalifornien sesshaft, gerne mit seiner Herkunft aus der polyglotten, lebenslustigen, sinnenfrohen kanadischen Provinz Québec, in der Genuss oberste Priorität hat. Diesen Hang zum guten Leben hat sich Shatner zeitlebens bewahrt, sehr zum Verdruss beispielsweise der Kostümbildner aus „Star Trek“, die angesichts des stetig schwankenden Körpervolumens von Shatner irgendwann aufgaben und ihm eine Art Kimono umwarfen.
Vor der Kamera trieb er Kolleginnen und Kollegen mit seinem Spleen in den Wahnsinn, mitten im Satz willkürlich lange Pausen einzubauen. Divenhaftes Getue, mit dem Shatner selbst wohlmeinende Mitmenschen vergrault hat. Er weiß es ja selbst. Allein: Dieser Geltungsdrang ist stärker als er. Andererseits hat ihn all dies auch im Geschäft gehalten.
Als „Star Trek“ 1969 abgesetzt wird, ist Shatner erledigt und pleite. Seine Frau hat ihn wegen seiner unzähligen Affären verlassen, die Scheidung ruiniert Shatners Finanzen, er lebt im Wohnwagen. Aber er kämpft sich zurück, hat mit der grandios albernen Polizeiserie „TJ Hooker“ in den 80er-Jahren unverhofft einen Hit und wird später gern als extravaganter Gast für respektable Filme gebucht. Und wird 2002 in seiner womöglich schönsten Szene belohnt: In der Komödie „Showtime“ sagt Shatner zum Edelmimen Robert de Niro: „Sie sind der schlechteste Schauspieler, den ich je gesehen habe.“ Kein anderer als Shatner kann das mit diesem brillant verschmitzten Ausdruck tun, der jedem signalisiert: Niemand hat hier gerade mehr Spaß als ich.
Glück für Shatner: In den ersten sieben Teilen der „Star Trek“–Kinofilme (1979–1994) war er wieder Kirk, beim fünften führte er auch Regie. Dazu gibt es Auftritte in der preisgekrönten Anwaltsserie „Boston Legal“, in der Shatner, natürlich, einen lockeren Vogel spielt, der es mit dem Ehrenkodex der Juristen nicht allzu genau nimmt. Mit 90 lässt sich Shatner dann tatsächlich in den Weltraum schießen, nur um danach festzustellen, dass es da oben ziemlich langweilig ist. Und gerade erst hat er verkündet, bald ein Heavy-Metal-Album auf den Markt zu werfen. Auch schon egal, wir mögen ihn trotzdem. Und sei es nur, weil er so wunderbar philosophisch sein kann, wenn er denn möchte: „Aus dummen jungen Männern werden dumme alte Männer.“ Mehr kann man dazu nicht sagen. Vielleicht ist er ja doch der Größte.ZORAN GOJIC