Neue Sachlichkeit

von Redaktion

Daniil Trifonov und Daniel Harding in der Münchner Isarphilharmonie

Extrovertierte Show und große Gesten sind bei ihm nur selten zu erwarten. Das weiß man von Daniil Trifonov schon länger (Foto: Dario Acosta). Und so schien der Pianist auch bei seinem jüngsten Auftritt in der Isarphilharmonie wieder ganz von der Musik vereinnahmt, in seiner eigenen Welt zu schweben. Die Augen stets streng auf die 88 Tasten des Flügels gerichtet, während Daniel Harding am Pult des Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia vor allem die Rolle des zuverlässigen Begleiters zukam.

Was Trifonov seiner Fangemeinde präsentierte, war eine durch und durch analytische Sicht auf das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms. Anfangs noch mit kräftiger Pranke, doch nach dem ruppigen Auftakt ging es bei ihm schnell ins Detail. Da wurden in breiten Tempi die Strukturen der einzelnen Sätze hochkonzentriert herausgearbeitet und immer wieder feine Nuancen zutage gefördert, die sonst gern mal im Sturm der Emotionen untergehen können.

Um dem entgegenzuwirken, entdeckte Trifonov in den Noten gewissermaßen eine neue Sachlichkeit, die oft allerdings eine gewisse Kühle ausstrahlte, die man bei Brahms sonst nicht gewohnt ist. Tauwetter setzte da erst im dritten Satz langsam ein: als der Pianist die von Solocellist Luigi Piovano vorgestellte sehnsuchtsvolle Melodie nahtlos aufgriff und sich zwischen beiden ein fesselnder Dialog entwickelte. Selbst wenn sich der Fokus im Finale schnell wieder in Richtung des Klaviers verschob.

Mehr Chance sich zu profilieren, bekam das Orchester mit Antonín Dvořáks siebter Symphonie. Wobei Harding für die beiden miteinander befreundeten Komponisten einen ähnlich kontrollierten Zugriff zu pflegen schien. Denn auch in der Symphonie dominierten vom ersten Takt an eher breit ausladende Tempi, durch die sich selbst das Scherzo mit einer gewissen Schwere voranwälzte. Klanglich opulent, aber dennoch mit britischem Understatement. Wozu es dann passte, dass die Gäste aus Rom – genau wie Trifonov zuvor – auch bei ihrer Zugabe mit dem „Valse triste“ von Jean Sibelius melancholische Töne anschlugen und den Abend so nachdenklich ausklingen ließen. TOBIAS HELL

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