Schön schräg

von Redaktion

Die Theaterakademie zeigt den Opern-Doppelabend „Auf und Ab“

Rot ist nicht nur die Liebe: Beatriz Maia als mordende Gattin. © CORDULA TREML

Eine Groteske, die Regisseur Ingo Kerkhof im Münchner Prinzregententheater aus zwei selten gespielten Opern-Einaktern zusammengelötet hat. © CORDULA TREML

Immerhin 20 Jahre musste Penelope warten, erkannt hat sie ihren Odysseus – nach einer Prüfung – dann trotzdem. Bei unserem Seefahrer hier läuft das suboptimal. Wobei sich dieser Matrose sehr verändert hat, er ist reich geworden: Geld macht also unkenntlich? Das Happy End fällt jedenfalls aus, die Gattin erschlägt ihren Mann mit dem Holzhammer. Ein blutiges Missverständnis und Finale eines bizarren Opern-Einakters.

„Le Pauvre Matelot“ (der arme Matrose) von Darius Milhaud, 1927 in Paris uraufgeführt und dort noch einigermaßen populär, wird bei uns nie gespielt. Bis ihn die Bayerische Theaterakademie für sich entdeckt hat und im Prinzregententheater mit einer weiteren Archiv-Leiche verlötet hat, mit „I due timidi“ (die beiden Schüchternen) von Nino Rota. Mehr noch: Aus beiden Werken, die sich hier fast durchdringen, formt Regisseur Ingo Kerkhof ein neues Ganzes. Eine – mit Extra-Musik und Extra-Dialogen angereicherte – Grübelei über Schicksal, Vorbestimmung und den Urknall. Alles kreist um die Frage: Wie frei sind wir wirklich?

Aus den beiden Einaktern springt einem dieses Thesengebäude nicht unbedingt entgegen. Zumal es, vor allem bei Nino Rota, um schrägen, bösen Humor geht. Auch hier dreht sich alles um ein Liebespaar, die Klavierspielerin Mariuccia und Hotelgast Raimondo. Durch einen kleinen Unfall wird er bewusstlos, als er erwacht, verknallt er sich in die Zimmerwirtin. Kein Happy End, die frustrierte Mariuccia heiratet einen Arzt. Filmmmusiker Rota, für seinen Soundtrack zu „Der Pate 2“ mit einem Oscar geehrt, schreibt eine Musik zwischen durchbrochenen, verbogenen Tanzrhythmen und Puccini-Verehrung. Uraufgeführt wurde das Stück als Radiofassung (!), ein Erzähler bringt die Handlung voran.

Milhaud maskiert sich dagegen als französischer Kurt Weill. „Le Pauvre Matelot“ wird in dieser Premiere noch gerahmt von seinem cool schwoofenden Instrumentalstück „Le bœuf sur le toit“ (der Ochse auf dem Dach), viel zu wenig wird das gespielt. Beide Einakter sind dringend aufführenswert und ergänzen sich ganz hervorragend, zumal Dirigent Peter Rundel mit dem Münchner Rundfunkorchester das Stil-Chamäleon gibt und ein feines Sensorium für die Partituren entwickelt. Vor allem aber sorgt er dafür, dass es beim Vokalnachwuchs auf der Bühne keine Überreizungen gibt.

Die vielen Rollen sind ideal für ein Ausbildungsinstitut, aufzählen kann man die vorzüglichen jungen Sängerinnen und Sänger nicht alle. Ein paar sollte man sich merken: Beatriz Maia als Matrosenfrau mit ihrem schon gereiften, aufblühenden Sopran, Henrique Lencastre (Matrose) mit seinem in Samt gepackten Tenor, Lovro Kotnik als mephistophelischer Erzähler inklusive Bariton-Italianità, Julia Schneider mit ihrem stilsicher vorgetragenen Chanson oder Rusnė Tušlaitė (Mariuccia) mit ihrem schon raumgreifenden Sopran. Stark sind sie alle, weil sie sich als plausible Charaktere ins Geschehen werfen und mit dem eigentümlichen Sound der beiden Partituren und ihren stilistischen Erfordernissen gut zurechtkommen.

Man spürt, wie das junge Ensemble das detailliert aufgedröselte Konzept von Regisseur Kerkhof nicht nur nachstellt, sondern es sich zu eigen gemacht hat. Ausstatterin Hana Ramujkic hat dazu ein holzverkleidetes Doppelzimmer auf eine Riesenwippe gestellt. Wohn- und Gastraum ist das, auch Theater auf dem Theater. Kerkhof bricht das Geschehen. Eine Distanz, die nach Brecht schmeckt, allerdings auch die Emotionalität, das Direkte, Ungeschönte der beiden Einakter ausbremst. Ergebnis ist eine surreale Groteske mit Handbremse. Man überlässt sich den bizarren, 105 pausenlosen Minuten trotzdem gern – wenn die Akademie schon eine solche Charme-Offensive startet.MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen

am heute, 22., 24. und 26. März; Telefon 089/21 85 19 70.

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