PREMIERE

Satire statt Schrecken

von Redaktion

Christian Stückls „Arturo Ui“ im Münchner Volkstheater

Anton Nürnberg (re.) als Arturo Ui mit Alexandros Koutsoulis als Ernesto Roma. © arno declair

„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht gehört wie Charlie Chaplins „Der große Diktator“ zu den Kunstwerken, die sich mit dem Phänomen Hitler beschäftigen, es sezieren und entlarven wollen. Am Donnerstagabend hatte im Münchner Volkstheater nun Christian Stückls Version des „Ui“ Premiere (mit Pause drei Stunden). Das Problem bei Brecht wie bei Chaplin ist, dass sie zwar größenwahnsinnige Verbrecher und Demagogen schildern und lächerlich machen, aber vor dem extremen Ausmaß an Gewalttaten zurückschrecken.

Brecht (1898-1956) hält sich historisch an Adolf Hitlers Einstieg in die Macht, indem er sich an die höhere Gesellschaft samt Reichspräsident Hindenburg heranwanzt, und an den Aufstieg von der Machtergreifung über die Ermordung seines Kumpans Ernst Röhm bis zum „Anschluss“ Österreichs. Der Dramatiker lässt jedoch die sofortige Gründung von Konzentrationslagern genauso außer Acht wie die Gesetze gegen Juden, denn er hat sein Stück, das er 1941 in Finnland, zusammen mit Margarete Steffin schrieb (Uraufführung erst 1958), ganz aufs US-amerikanische Gangstermilieu ausgerichtet. Das schwächt die Zielgenauigkeit des Werks, das zum Ende hin arg zäh wird. Darüber hinaus sollte das organisierte Verbrechen, wie so oft bei Brecht, mit den Wirkmächten des Kapitalismus verknüpft werden. Kurz gesagt: Gangsterboss Ui kann nur an die Macht kommen, weil vorher die Mitglieder des Karfioltrusts den anständigen Stadtverordneten von Chicago, Dogsborough (Hindenburg-Hinweis), korrumpierten.

Stefan Hageneier hat für Stückls Inszenierung ein in drei Räume geteiltes Art-déco-Restaurant – dazwischen der Hinterhof mit Mülltonnen und -tüten – auf die Drehbühne gebaut. Der „Abfall“ – die in die Säcke verstauten Leichen der Ui-Bande – wird nach und nach die einst propere Gaststätte begraben. Mit leicht schrägen Kostümen von Zweireihern über Schlaghosen bis Jogginganzügen signalisiert Hageneier die Aktualität des Werks. Sie streicht Christian Stückl durchgehend, oft satirisch pointiert heraus. Außerdem wahrt er die Historizität von „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.“ Man kann die Persiflagen auf Hitler, Goebbels und Göring wie auf den Österreicher Dollfuß erkennen.

Wichtiger ist aber dem Regisseur, dass populistische Strategien theatral knackig vorgeführt werden. Die Bande um Ui (Anton Nürnberg mit Alexandros Koutsoulis, Cedric Stern, Nils Karsten) führt den Gemüsespediteuren (Silas Breiding, Jonathan Müller, Maximiliane Haß) und dem „Dollfeet“-Paar (Luise Deborah Daberkow, Baran Sönmez) und uns im Zuschauerraum vor, was wir von bestimmten Politkern und Politikerinnen kennen: Chaos herbeireden, gar selbst erzeugen und sich dann als Retter aus diesem Chaos anpreisen.

Stückl und Anton Nürnberg wollen offenbar auf keinen Fall Arturo Ui glänzen lassen, Faszination soll nicht sein. Deswegen muss der Darsteller ihn blässlich geben. Deswegen darf er auch nicht die manipulativ mitreißende Antonius-Rede aus Shakespeares „Julius Cäsar“ sprechen – Brutus wird trickreich zum Hassobjekt gemacht –, sondern der „Schauspieler“. Er wurde engagiert, um Ui den imposanten Image-Auftritt beizubringen. Bei dieser berühmten Szene kann Pascal Fligg als verlotterter Mime all seine Komödiantik ausspielen und frappierend übergangslos demonstrieren, wie leicht wir einer rhetorisch rasant vorgetragenen Ansprache erliegen. Das sind nicht die einzigen Glanzlichter des trotzdem zu langen Abends; ganz viele setzen das Ensemble mit Verve und Witz sowie die klug dosierenden Musiker Tom Zimmer und Max Bloching samt „Tannhäuser“ und „Badenweiler Marsch“.SIMONE DATTENBERGER

Nächste Vorstellungen am 26.3., 2. und 4.4., Karten unter www.muenchner-volkstheater.de und 089/523 46 55.

Artikel 2 von 5