Ich lieb dich nicht, du liebst micht nicht

von Redaktion

Brigitte Fassbaender inszeniert in Nürnberg Mozarts frühe Oper „La Finta Giardiniera“

Vielleicht hat Mozart das Zeug selbst probiert. Könnte doch sein, dass er damals als 18-Jähriger durch den Englischen Garten streifte und auf Pilze stieß – die nicht nur munden, sondern im Hirn Synapsen-Terror auslösen. Psychedelische Wirkstoffe eben, anders lässt sich die krause Handlung von „La Finta Giardiniera“, 1775 im Münchner Salvatortheater uraufgeführt, kaum erklären. Nacherzählen kann man die Liebeswirren nicht, es ist eine „Così fan tutte“ hoch zehn mit Vorahnungen von „Le nozze di Figaro“.

Im Nürnberger Staatstheater sprießen jedenfalls die Pilze in Flower-Power-Farben. Das Zentralpaar des Stücks kostet, der Abend kippt ins Surreale. Liebe über Kreuz, das gab es schon in den Szenen zuvor, doch jetzt scheint alles verloren – oder gerettet? Man kann das krause Früh-Stück mit der teils genialen Musik durchaus plausibel auf die Bühne bringen, das ist die Erkenntnis dieser Premiere, für die sich Opernlegende Brigitte Fassbaender wieder einmal in den Regiestuhl gesetzt hat. Vor allem hat sie „La Finta Giardiniera“ erst einmal klug gestrichen. Über drei Stunden dauert das Original, jetzt sind wir (mit Pause) bei kurzweiligen zweieinhalb.

Alles dreht sich um die Marchesa Violante, die undercover als Gärtnerin beim Bürgermeister Don Anchise jobbt. Von ihrem Geliebten, dem Grafen Belfiore, wurde sie im Affekt fast umgebracht. Der kreuzt prompt auf, zwischen beiden gibt es noch Schwingungen, aber auch bei den anderen Dorfbewohnern steigen die Säfte. Wer mit wem, das lässt sich teils nicht mehr überblicken. Der Mozart von heute hätte eine Swingerclub-Oper geschrieben. Entscheidend ist aber, wie im vorausgegangenen Barock, das Situative: die emotionalen Ausnahmezustände, die per Arie erst einmal bewältigt werden müssen.

Viele Figuren sind aus der Commedia dell’Arte entlehnt. Brigitte Fassbaender sorgt dafür, dass uns trotzdem keine Flachreliefs begegnen. Jeden dieser verschrobenen Typen muss man liebhaben, jedes Charakterporträt ist eine Maßanfertigung für Sängerin und Sänger. Das funktioniert nur mit feiner Humordosierung. Die Gags provozieren nicht Schenkelklopfen, sondern ein Lächeln. Die Riesengemüse und -früchte zum Beispiel, die sich ins Bild schieben, dabei Fruchtbarkeitsgedanken auslösen – und die zur Schädlingsbekämpfung natürlich eingesprüht werden. Der Gartenzwerg, der aus einem Marmorblock gemeißelt wird. Im letzten Akt die Pilz-Armada. Und sogar der Handpuppen-Maulwurf aus dem Souffleurkasten geht als geistreiche Albernheit durch.

Sehr reduziert ist die Szenerie, Ausstatter Dietrich von Grebmer hat ein Einheitszimmer gebaut, in dem sich Türen öffnen oder die Hinterwand zu einem lockenden Gewässer. Brigitte Fassbaender kühlt das Stück herunter, befreit es vom Zierrat, um zum Eigentlichen, zum Allzumenschlichen vorzudringen. Zu Augenblicken, in denen ein langer Blick oder ein Kampfkuss mehr sagt als die große Geste. Und wie schnell alles ins Toxische und Tragische kippen kann, das sieht man an diesem Abend auch.

Vor allem aber wurde Motivationsarbeit geleistet. Das Ensemble ist mit Feuereifer dabei und bewegt sich wie nebenan die Belegschaft der Schauspielsparte. Im Mittelpunkt Chloë Morgan als Gärtnerin, eine Naturkomikerin. Aber auch eine Singdarstellerin, die in wenigen Augenblicken alles ins Melancholische, in eigentümliche Witzwut treibt. Dazu hört man einen tadellos geführten Sopranstrahl, eine leicht ansprechende, zum Größeren drängende Stimme, die sich unverspannt in Höhenlagen bewegt.

Sergei Nikolaev (Belfiore) ergänzt sie mit feinem, flexiblem Tenor. Corinna Scheuerle ist ein herber, attraktiver Ramiro, Hans Kittelmann ein mit Nuancen jonglierender Anchise, Clarissa Maria Undritz eine Serpetta mit großer Rollenprognose und Caroline Ottocam eine Arminda mit Diven-Aplomb, ohne dass die Stimme über die Ufer tritt. Ihnen und allen anderen überlässt man sich gern. Auch Dirigent Christopher Schumann. Der hat sich mit der Staatsphilharmonie Nürnberg tief in die Agogik dieser Partitur hineingefühlt. Man hört der Musik beim Atmen, beim Klangsprechen zu, ohne dass Details ausgestellt werden. Die Tempo-Architektur stimmt, anfangs ist das Ensemble etwas unter Dampf, die Abstimmung zwischen Bühne und Orchestergraben klappt nicht ganz. Ein Happy End? Da ist Fassbaender ganz realistisch – nicht nach diesen Liebeswirren und Enttäuschungen.MARKUS THIEL

Nächste Vorstellungen

am 25. März, 4., 14., 16., 25. April; Telefon 0911/660 69 60 00.

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