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von Redaktion

Der Schriftsteller Salman Rushdie zu Gast im Münchner Literaturhaus

„Wir sind alle unvollendet“, sagt Salman Rushdie – denn keiner von uns weiß, wie sein Leben endet. In seinem gerade erschienenen Erzählungsband „Die elfte Stunde“ setzt sich der Autor mit dem Tod auseinander. © Catherina Hess/Literaturhaus

Beinahe ganz am Ende dieser intensiven und kurzweiligen Soiree formuliert Salman Rushdie eine Art schriftstellerisches Credo. Es geht in diesem Moment auf der Bühne des Münchner Literaturhauses um Sätze, nicht um die berühmten ersten, sondern um die nicht minder wichtigen letzten. Den kraftvollen Roman „Victory City“ ließ Rushdie 2023 mit der Feststellung „Worte sind die einzigen Sieger“ enden. Denn sie überdauern jeden und alles. Die letzte Erzählung seines aktuellen Bandes „Die elfte Stunde“ schließt der Schriftsteller mit dem Fazit „Uns fehlen die Worte“. Wie, bitte schön, kann etwas fehlen – und dennoch für alle Zeiten fortbestehen? Zwei Feststellungen, die einander in ihren Aussagen entgegengesetzt sind, können dennoch beide wahr sein, erklärt Rushdie lapidar. Wie das möglich ist? Dazu gleich.

Der Schriftsteller, 1947 in Mumbai geboren, das damals noch Bombay hieß, ist derzeit auf Lesetour. Seit er bei einer Podiumsdiskussion im August vor vier Jahren im US-Bundesstaat New York lebensbedrohlich verletzt wurde und sein rechtes Auge verlor, sind seine öffentlichen Auftritte rar geworden. Ein Glück für München also, dass er der Einladung des Literaturhauses gefolgt ist. In seinem jüngsten Buch – zwei Erzählungen sind vor dem Attentat entstanden, die übrigen drei danach – nehme Salman Rushdie „dem Tod seinen Schrecken“, fasst Literaturhaus-Intendantin Tanja Graf in ihrer empathischen Begrüßung zusammen.

Für diesen Samstagabend haben sie und ihr Team ein fantastisches Trio auf der Bühne versammelt. Die Lesung der deutschen Texte übernimmt Axel Milberg; der Schauspieler ist dazu extra von Dreharbeiten in Wien angereist. Das Gespräch führt Bernhard Robben, der seit vielen Jahren Rushdies Werke übersetzt. Gewinner dieser so künstlerischen wie intellektuellen Besetzung ist – das Publikum: Milberg formt die Geschichten mit großer Wärme und Klugheit. Robben kennt den Autor und dessen Schreiben bestens. Von dieser Kenntnis profitieren die Menschen im Saal. Und Rushdie? Dass er ein großer Autor ist, wissen alle, die lesen können. Dass er aber auch ein ganz wunderbarer Entertainer ist, zeigt sich hier einmal mehr. Der Mann hat einen schlagfertigen Humor, ist unfassbar lustig – trotz der Lebensgefahr, in der er seit 1989 permanent schwebt. Damals wurde er vom obersten Führer des Iran zum Tode verurteilt. Sein Roman „Die satanischen Verse“ (1988) missfiel Chomeini; seitdem sind Muslime in aller Welt aufgerufen, die Fatwa zu vollstrecken.

Entsprechend hoch sind am Salvatorplatz die Sicherheitsvorkehrungen. Freilich ist das Haus seit Langem ausverkauft. Vor Beginn wird besonders gerne über diese Fragen diskutiert: Wie man (gerade noch) an Karten gekommen ist, und wie weit die Anreise war – Spoiler: bis zu 120 Kilometer. Nicht nur die Fahrt dieses Gastes hat sich gelohnt. Pointiert, charmant und bestens gelaunt plaudert Rushdie über sein Schreiben und das Leben als Autor. Robben hat seine erste Frage noch nicht formuliert, da ist der Schriftsteller bereits bei Kafka und dessen Blick auf die USA. Springt vom Prager Autor dann zu seinem Freund und Kollegen Daniel Kehlmann, der, nachdem er das Drehbuch zur „Kafka“-Serie geschrieben hatte, ganz von seinem Protagonisten durchdrungen gewesen sei. Und landet schließlich bei seinem anderen, bereits verstorbenen Kollegen Philip Roth und dessen Kurzgeschichte über Kafka. Herrlich ist das – nicht nur für Literatur-Freaks. „Das ist Storytelling pur“, meint Robben. „Ich wollte ihn nicht unterbrechen.“ Gut so.

Derart kurzweilig, anekdoten- und kenntnisreich, vor allem aber derart unterhaltsam gestalten die drei die folgenden 100 Minuten. Es geht um Rushdies Studienzeit am King’s College Ende der Sechziger („Eine gute Zeit, um Student zu sein: die Zeit von ,Sgt. Pepper‘, die Zeit von Sex, Drugs und Rock’n’Roll“). Er schildert, dass seine Arbeitsweise mit den Jahren immer freier geworden sei, weg von der klar festgelegten dramaturgischen Struktur hin zum Jazz. Und er räumt ein, dass ihn seine Figuren manchmal überraschen, wenn sie unerwartet Dinge tun, mit denen er im Schreibprozess dann umgehen müsse.

Um Politik, ums Attentat geht es nur subkutan. Auch dies eine kluge Entscheidung. Wer jedoch genau hinhört, versteht, was Salman Rushdie umtreibt. Am offenkundigsten ist das in der Erzählung „Der alte Mann auf der Piazza“, die sein jüngstes Buch beschließt. Jene Straße steht für die Demokratie. „Wir stecken in starken Schwierigkeiten“, meint der Schriftsteller. „Denn die Sprache hat die Piazza verlassen.“ Es ist an uns, sie zurückzuholen.MICHAEL SCHLEICHER

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