Ein bisschen mehr Herz

von Redaktion

Peter Lund inszeniert am Gärtnerplatz „Der Graf von Luxemburg“

Zwei Hochstapler kommen sich näher: René Graf von Luxemburg (Daniel Prohaska) bandelt an mit Angèle Didier (Andreja Zidaric). © ANNA SCHNAUSS, Zöllner

Seit über 70 Jahren war „Der Graf von Luxemburg“ von Franz Lehár am Gärtnerplatztheater nicht mehr in einer Neuproduktion zu erleben. Premiere ist an diesem Freitag. Es inszeniert Peter Lund, Operettenspezialist und über viele Jahre Professor für Musical und Show an der Universität der Künste Berlin.

Herbert von Karajan hat sinngemäß gesagt, es gebe als Dirigent nichts Schwierigeres als Lehár. Gilt das fürs Inszenieren genauso?

Ein bisschen. Operette, die leichte Muse, ist eine sehr eigene Kunst. Es ist ein Allgemeinplatz, dass gerade das Leichte schwer zu machen sei. Die Operette hat so viele verschiedene Tempi und Farben, sie changiert unglaublich zwischen Ernst und Spiel, zwischen Ironie, Witz, auch Anarchie.

Anarchie? Bei Operette denken die meisten an Walzerseligkeit.

Schon, und wenn man es zu sehr ins Sentiment treibt, dann wird es halt eine romantische Komödie. Aber es gibt doch immer wieder diese anarchistischen Brüche, die aus dem Urschleim des Genres – vor allem von Jacques Offenbach – kommen, wo dann manchmal alles auf den Kopf gestellt wird.

Auf den Plakaten zum „Graf von Luxemburg“ liest man in der ganzen Stadt: „Lüg dich glücklich“. Wird hier zur Anarchie aufgerufen?

Ein bisschen schon. (Lacht.) Die Sympathien liegen in der Operette ja ohnehin immer bei den Schlitzohren. Außerdem hat man wirklich manchmal das Gefühl, man kommt nur noch zu seiner Sache, wenn man es sich mit ein bisschen Chuzpe einfach nimmt. Denn die Gerechtigkeitsverteilung hat arg abgenommen in letzter Zeit. Da kann man schon aufrufen: Hol‘ dir das Deine hintenrum, aber mit Charme, sonst kriegst du hier kein Stück vom Kuchen ab! Andernfalls wird einem alles von Typen wie Trump genommen.

Das ist gewissermaßen ja die Handlung von Lehárs „Graf von Luxemburg“.

Genau! Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die unbedingt adelig werden möchte und sich dafür scheinverheiratet mit dem Grafen von Luxemburg, der dafür auch Geld bekommt, damit sie später den Fürsten heiraten kann. Das war eine Karriere-Option für Frauen vor 100 Jahren – andere gab es nicht, das muss ich zur Rechtfertigung immer sagen.

Aber warum ist dieses gesellschaftskritische Genre dann in Deutschland bis heute etwas verpönt?

Die Operette war gerade in ihrer Entstehung und vor dem Krieg ein absolut tagespolitisches, heiß geliebtes Genre – eigentlich ein Massenmedium seiner Zeit. Kurz: das, was heute Hollywood, Fernsehen und Musical zusammen sind. Und heute ist die Operette schlichtweg nicht mehr tagesaktuell – das ist momentan eher das Musical, das aber auch keinen besonders guten Ruf in Deutschland hat.

Im anglophilen Raum ist das aber anders.

Ja! In Deutschland wurde während des Zweiten Weltkriegs Unterhaltung jüdisch konnotiert und damit negativ belastet. Nach dem Krieg waren plötzlich nur noch Goethe und Schiller wirklich unbelastet – die hatten mit den Nazis nichts zu tun. Deutschland hat sich die Hochkultur wie ein Feigenblatt umgehängt, weil vieles andere kontaminiert war. Die 20er-Jahre galten als jüdisch, das Musical als amerikanisch – beides wurde tabuisiert…

…aber andererseits auch mit heimlichem Vergnügen genossen.

Ja, und dann gibt es diese typisch heile Welt der 50er, die man nach dem Krieg nachvollziehen kann und in der das Sentiment viel dicker aufgetragen wurde, als es eigentlich gemeint war. Die Originaloperette war deutlich ironischer, wie eine gute Comedy-Romance aus Amerika, wo man lacht und sich gleichzeitig freut, dass das Pärchen sich kriegt. In den 50er-, 60er- und bis weit in die 70er-Jahre war man nur noch davon beseelt, dass sie sich überhaupt kriegen – der Witz war weg. Und dass da eine jüngere Generation, spätestens die der 68er, sagt, das sei wirklich Omas-Puschen-Romance, ist nachvollziehbar. Gegen diesen Ruf muss man aber anarbeiten.

Heißt das, Operette muss heute wieder politischer werden – oder einfach besser unterhalten?

Diese Unterscheidung gibt es gar nicht. Operette war immer beides. Sie hat gesellschaftliche Zustände verhandelt und gleichzeitig unterhalten. Ich finde schon, Theater muss unterhalten. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht auch etwas zu sagen hätte. Im Gegenteil: Wenn man es schafft, dass die Leute lachend etwas über sich und ihre Gesellschaft verstehen, dann hat man eigentlich das Beste erreicht.

Hat das alte Operetten-Schunkeln dann noch seinen Platz heutzutage?

Ja, schon. Wenn man eingehakt ist und gemeinsam in einen Rhythmus kommt, hat das absolute Berechtigung. Wir sollten das nicht vergessen, unsere Gesellschaft schunkelt gerade überhaupt nicht im selben Rhythmus. Also ein ganz klein bisschen mehr Herz und meinetwegen auch ein bisschen mehr Alkohol helfen manchmal schon, um gewisse positive Dinge auf den Weg zu bringen.

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