Die trauen sich was

von Redaktion

Intendant Stefan Tilch über die Landshuter Theater-Misere und seinen „Parsifal“

Gegen die Opern-Goliaths: 2023 rundete Stefan Tilch den ersten niederbayerischen „Ring“ mit Wagners „Götterdämmerung“. © Peter Litvai

Ob das Landestheater Niederbayern je wieder im historischen Landshuter Haus spielen kann? Die Stadt verschiebt die Sanierung Jahr für Jahr, mittlerweile ist auch das Theaterzelt, das seit zwölf Jahren genutzt wird, marode. Intendant Stefan Tilch muss das bald nicht mehr kümmern. Er verlässt das Städtebundtheater, das in Landshut, Passau und Straubing aktiv ist, zum Ende der Saison. Vorher gibt es einen Knaller: Am 2. April bringt er in Landshut seine Inszenierung von Wagners „Parsifal“ heraus. Typisch Tilch: Vor Mega-Opern hatte er noch nie Angst.

Warum dieser Wagner-Blockbuster am Ende Ihrer Intendanz?

Als wir 2014 ins Landshuter Theaterzelt zogen, dachten wir uns in dieser schwierigen Situation: Man muss das Beste daraus machen und diesen Raum seiner Größe entsprechend nutzen. Also riskierten wir Wagners „Tristan und Isolde“, einfach auch, weil es einen Orchestergraben gab, in den man eine halbwegs anständige Anzahl an Musikerinnen und Musikern hineinsetzen konnte. Diese Produktion hat die Menschen begeistert. Deswegen gingen wir weiter zum „Ring des Nibelungen“. Als klar war, dass ich aufhören würde, dachte ich mir: Der „Parsifal“ wäre doch ein würdiger, großer Abschluss.

Als David gegen die Goliaths der Opernszene hat man nichts zu verlieren. Fühlten Sie sich immer in einer komfortablen Rolle, weil Ihnen die Sympathien galten?

Ja, das ist so. Wir wollten alle Facetten des Repertoires unserem Publikum zugänglich machen. Wir bespielen ein riesiges Einzugsgebiet, nicht jeder fährt automatisch nach München auf der einen oder nach Wien auf der anderen Seite. Wir hatten also eine gewisse Narrenfreiheit, weil wenige sagten: Ihr seid doch völlig wahnsinnig! Es hieß vielmehr: Die trauen sich was! Ich wollte nie mit dem Intendanten der Bayerischen Staatsoper tauschen. Der hat jeden Tag die Verantwortung, seinen Gästen den völlig perfekten und makellosen Rolls-Royce zu bieten. Wir dagegen konnten uns einfach reinstürzen in die Projekte, das habe ich genossen.

Sind Sie immer mutiger geworden?

Es war eher so, dass Generalmusikdirektor Basil Coleman und ich über die Jahrzehnte immer wieder neue Genres oder Repertoirenischen gefunden haben, die uns extrem viel Freude gemacht haben. Wir haben zum Beispiel als einziges Haus weltweit alle Opern von Vincenzo Bellini aufgeführt. Ein enormer Erfolg. In Straubing trifft man plötzlich Leute, die extra aus Texas angereist sind.

Ab wann haben Sie das Landshuter Theaterzelt als Fluch empfunden?

Eine solche Situation kann man für maximal fünf Jahre einigermaßen freudvoll durchziehen – wenn man die Gewissheit hat, dass sanierungstechnisch etwas passiert. So war es aber nicht. Uns wurde gewissermaßen ein Würstel vor die Nase gehalten, das dann immer wieder verschwand. Ein extrem kräftezehrender Prozess.

Die Sanierung des historischen Landshuter Theaters könnte ganz kippen. Ist damit das Landestheater in seiner bisherigen Form gefährdet?

Ich mische mich da nicht mehr ein. Wegen der Situation höre ich ja auch auf. Aktuell warten alle auf die städtischen Haushaltsberatungen für dieses Jahr, wovon dann abhängt, ob das Theaterzelt überhaupt weiterbetrieben werden darf. Wenn nicht, müsste erst mal ein anderes Interim gefunden werden – eine Suche, bei der wir jedenfalls damals, als wir für das Zelt stimmten, nicht sehr erfolgreich waren. Es könnte also jetzt auch eng werden. In diesem Moment gibt es ganz positive Signale aus dem Rathaus – die aber gab es über die letzten Jahrzehnte schon öfters… Als wir uns beim Auszug vor 14 Jahren danach umsahen, sah es nicht so gut aus in Landshut – daher die Zeltlösung. Aber unser Geschäftsführer ist sehr zuversichtlich.

Wie ist eigentlich das Publikum damit umgegangen?

Der Umzug ins Landshuter Zelt hat zunächst einen unfassbaren Solidaritätsschub ausgelöst. Eine Art stolzen Trotz. Der hält im Prinzip bis heute an – auch wenn wir noch nicht ganz auf dem Vor-Corona-Niveau sind. Ich kenne aber auch Leute, die die Stadt wechseln wollen, falls es dort kein Theater mehr geben sollte. Und ich kenne frustrierte Eltern, die sagen: Meine Kinder konnten noch nie ein normales Theatergebäude betreten. Manche fahren sogar von Landshut nach Passau, um Produktionen zu sehen.

Und wie geht’s für Sie in der kommenden Saison weiter?

Parallel zum „Parsifal“ sitze ich schon über einer Spielfassung für „Kiss me Kate“. Das Stück inszeniere ich im Herbst. Es geht für mich als dann freischaffenden Regisseur also nahtlos weiter.

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