Einen grantelnden Wiesnwirt spielt Comedian Markus Stoll alias Harry G. © Tobias Melle
Eine Portion Nostalgie, Parallelen zur heutigen Zeit sind aber nicht auszuschließen: Szene aus „Münchner Leben“, Premiere ist am kommenden Samstag. © Tobias Melle
„Die Operette, auf die München gewartet hat.“ Das verspricht vollmundig das Team der Kammeroper München, das sich bei seinem jüngsten Streich in die Welt der leichten Muse wagt. Genauer gesagt in die Cancan- und Walzer-Welt von Jacques Offenbach. Mit „La Vie Parisienne“ nahm er einst die High Society der französischen Hauptstadt ordentlich aufs Korn. Die oberen Zehntausend, die sich selbst als Zentrum der Welt betrachteten. Ein Exklusivrecht auf Adabeis, Schickis und Mickis hat man an der Seine freilich bis heute nicht. Und so präsentiert die Kammeroper diesen Offenbach-Klassiker in einer sehr bajuwarisch gefärbten Neufassung als „Münchner Leben“.
Regisseur Dominik Wilgenbus und der musikalische Leiter Aris Alexander Blettenberg verorten die Handlung im Jahr 1866, kurz nach dem Ende des Preußisch-Österreichischen Krieges. Damals musste sich auch Bayern widerwillig den Preußen geschlagen geben, die daraufhin München als „exotisches“ Urlaubsziel entdeckten. „Den Plan für eine bayerische Adaption hatte Dominik schon länger in der Schublade“, sagt Blettenberg. „Als wir das 2019/2020 zum Offenbach-Jubiläum machen wollten, kam jedoch leider Corona dazwischen. Es wäre zwar in kleinerem Rahmen gegangen, aber bei so einer turbulenten Operette möchte man schon aus den Vollen schöpfen.“
Dafür hat das Duo bei seiner Fassung tief in den Archiven gegraben und ein paar zusätzliche musikalische Perlen ausgegraben. „Sogar ein paar Raritäten, die gar nicht so operettig daherkommen, sondern eher nach großer Oper klingen“, berichtet Blettenberg. „Weil wir eben auch diese Facette von Offenbach zeigen wollten.“ Das meiste ist aber tatsächlich original. So wie zum Beispiel die berüchtigte Tyrolienne mit ihren witzigen Jodel-Einlagen. „Eine großartige Nummer, die für unsere bayerische Fassung natürlich perfekt gepasst hat. Es gab Proben, in denen unser Ensemble vor lauter Lachen nicht mehr konnte. Und ich bin mir sicher, dass das Publikum da ebenfalls einen Riesenspaß haben wird.“ Dies mit einer ordentlichen Portion Nostalgie, bei der allerdings auch Parallelen zur heutigen Zeit nicht ganz auszuschließen sind.
Neben Offenbachs unsterblicher Musik dürfte es beim „Münchner Leben“ noch einen weiteren Publikumsmagneten geben: Comedian Markus Stoll, besser bekannt als Harry G, der sich nun als Wiesnwirt Korbinian Breznknödel bei der Kammeroper vorstellt und dabei auch sein Operetten-Debüt feiert. „Wenn man es gewohnt ist, dass man bei einem Kabarett-Programm normalerweise zwei Stunden lang alles allein machen muss, ist das schon eine Umstellung, auf einmal in einem Ensemble mitzuspielen“, sagt Stoll. „Es ist unglaublich, was die Sängerinnen und Sänger leisten. Gerade wenn sie auf kleineren Bühnen spielen. Da muss man sich ganz anders beweisen.“
Die ersten Schritte ins Musiktheater sind für Stoll eine spannende Erfahrung, aber auf den Proben auch von gegenseitigem Respekt geprägt. „Wir sind ein siebenköpfiges Ensemble, bei dem sechs Leute singen können. Ja, und der siebte, des bin halt ich.“ Bei ihm bleibe es daher eher „beim melodischen Sprechen“. Die Operette lasse einem in der Hinsicht schließlich viele Freiheiten. „Ich deute zwar auch mal an, dass ich singen würde, aber bevor es um die Wurscht geht, verschone ich das Publikum dann doch.“
Als grantelnder Wiesnwirt dürfte Markus Stoll ganz in seinem Element sein. Schließlich nimmt sein Alter Ego Harry G selten ein Blatt vor den Mund, wenn er gegen Hipster-Trends, überhebliche Großkopferte und andere „Isar-Preißn“ wettert. Auch die Operette war immer schon bekannt dafür, der Gesellschaft mit schwarzem Humor den Spiegel vorzuhalten. „Eigentlich sind das in unserem Stück zeitlose Themen“, findet Stoll. „Weil man da den Fremden ein Bild von Bayern verkauft, das überwiegend Klischees bedient.“ So wie auch das echte Oktoberfest eine Scheinwelt darstellt, die manchmal seltsame Blüten treibt. Gerade wenn es um die Frage Tracht oder Jeans geht. „Da ist so eine Art Trend zurück zur Tradition, weil man sich ja irgendwie von den Touristen differenzieren muss.“ Aber solche Diskussion heben wir uns besser für den Herbst auf. Jetzt heißt es erst einmal Ozapft is, auf der Operettenbühne.TOBIAS HELL
Vorstellungen
vom 28. März bis 30. April im Prinzregententheater; Telefon 089/93 60 93.