Die Welt im Blick

von Redaktion

Zum Tod des Autors, Filmemachers und Philosophen Alexander Kluge

Das Grimme-Institut ehrte ihn 2010. © Greitschus/API

Traten häufig zusammen auf: Alexander Kluge (li.) und Helge Schneider 2019 im Literaturhaus. © HESS

Nachdenklich und mit wachem Blick: Alexander Kluge ist mit 94 Jahren gestorben. © dpa

Anlässlich seines 90. Geburtstags besuchten wir ihn in seiner Schwabinger Wohnung – er saß am Arbeitstisch. „Arbeiten Sie immer noch jeden Tag?“, lautete die erste Frage. Und er antwortete mit einem Lächeln im Gesicht: „Was soll ich denn sonst tun?“ Beobachten und aufschreiben, so das Resümee unserer Autorin damals, war das Leben von Alexander Kluge. Nun ist der Filmemacher, Schriftsteller, Philosoph und Jurist, der die deutsche Kulturlandschaft geprägt hat wie nur wenige andere und mit Filmen, Büchern und TV-Formaten jahrzehntelang Denkanstöße gab, im Alter von 94 Jahren in München gestorben. Das teilte der Suhrkamp-Verlag unter Berufung auf seine Familie mit.

Als 13-Jähriger war Kluge bei einem Bombenangriff in seiner Geburtsstadt Halberstadt verschüttet worden. Nach einer Weile habe er einen Ausgang zum Nachbarhaus gefunden, und von da aus ging es zum nächsten und zum übernächsten Haus, bis sich schließlich ein Weg nach draußen fand, erzählte er einmal. „Es gibt immer einen Ausweg“, habe er daraus gelernt. „Um ihn zu finden, muss man lockerlassen, oder man muss dafür sorgen, dass der Notausgang zu einem kommt. Man muss ihn zulassen.“

Alexander Kluge studierte Jura, Geschichte und Kirchenmusik, promovierte und arbeitete zunächst als Rechtsanwalt. 1958 volontierte er bei dem weltberühmten Regisseur Fritz Lang („Metropolis“) und fing bald darauf an, selbst Regie zu führen. 1962 war er einer der Filmemacher, die mit dem „Oberhausener Manifest“ ein Kino der Autoren forderten. Kluge inszenierte Filme wie „Abschied von gestern“, „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ und „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“.

1987 war Kluge Mitbegründer der Produktionsfirma dctp, die private Fernsehsender wie Sat.1 oder RTL mit wissenschaftlichen und kulturellen Beiträgen versorgt. Das Magazin „Spiegel TV“ stammt beispielsweise aus seinem Haus. Lange Zeit war er – vor allem in der Privatfernsehbranche – nicht wohlgelitten, doch er konterte alle Vorwürfe, mit seinen hochwertigen Kultursendungen die Zuschauer zu verschrecken, mit den Worten: „Besser ein Quotenkiller als eine Quotennutte.“ Ein Verfechter von ARD und ZDF war er sowieso. 2019 betonte er in einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland ein hohes Gut sei. Man dürfe „nicht unterschätzen, was ein intaktes öffentlich-rechtliches System vermag.“ Der öffentlich-rechtliche Rundfunk dürfe nicht „die Erfolge des privaten Fernsehens“ nachahmen, mahnte Kluge. Ausgezeichnet wurde er freilich vor allem für seine Bücher und Filme, er erhielt unter anderem den Adolf-Grimme-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Heinrich-Heine-Preis sowie den Klopstock-Preis.

Mit dem fast gleichaltrigen Maler Gerhard Richter verbanden Kluge neben einem gemeinsamen Urlaubsziel in der Schweiz auch zwei Bücher. Er steuerte zu Richters Fotos die Texte bei. „Was er kann, kann ich nicht, wir ergänzen uns.“ Dabei sei der Maler gelegentlich recht radikal mit seinen Texten umgegangen, so Kluge einst. „Er zerschnitt manchmal aus ästhetischen Gründen meine Texte.“ Umgekehrt wäre das wohl eher nicht anzuraten: „Seine Werke sind generell etwas teurer.“

Auch im vorgerückten Alter war Kluges Begeisterung für Herausforderungen und Projekte ungebremst, sein Tatendrang imposant. „Ich arbeite viel mit jungen Menschen zusammen.“ Beim Arbeiten spielte das Alter keine Rolle. Behilflich sei beim kreativen Prozess, die „Ich-Schranke“ zu senken, sagte Kluge. „Alles, was einen von der eigentlichen Arbeit ablenkt, muss außen vor bleiben: der eigene Anspruch, die Erwartungshaltung und – natürlich auch – die Eitelkeit.“ Nur so, meinte er, könne es aus dem Bleistift fließen.B. SCHULTEJANS/S. THYSSEN

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