„Der Live-Bereich erholt sich“, sagt Andreas Schessl, Geschäftsführer des europaweit tätigen Veranstalters Münchenmusik. © Catherina Hess
Gerade hat er die Konzerte der kommenden Spielzeit veröffentlicht. Andreas Schessl, Geschäftsführer von Münchenmusik und mittlerweile europaweit tätig, bietet wieder ein Programm, das Genre-Grenzen nicht kennt – von Anne-Sophie Mutters 50. Bühnenjubiläum bis zum „Herrn der Ringe“. Ein Gespräch über Programmstrukturen, älteres Publikum und zu billige Tickets.
Graut es Ihnen vor dem Beethoven-Overkill 2027 zum 200. Todestag?
Ich bin gar nicht so sicher, ob das überhaupt ein Overkill sein wird. 2020, zum 250. Geburtstag, war viel mehr in der Planung, es wurde durch Corona verhindert. Wir bieten einige Beethoven-Termine an. Alle neun Symphonien mit den Münchner Symphonikern und die Klavierkonzerte mit dem Münchener Kammerorchester und Alexander Lonquich am Flügel. Außerdem spielt Rudolf Buchbinder seine Beethoven-Highlights.
Ist das Publikum seit Corona komplett zurückgekehrt?
Von den älteren Besuchern ist ein Teil nicht wiedergekommen. Alle reden davon, wie jung ein Publikum sein muss. Aber gerade das ältere verfügt über eine hohe Kennerschaft und ist für uns sehr wertvoll. Ein Bildungsbürgertum im besten Sinne. Diese Menschen haben eine wichtige Funktion für die nachwachsenden Generationen. Ich finde übrigens, dass unsere Konzertsäle nicht besonders seniorengerecht sind. Ständig heißt es, wir müssen uns um das junge Publikum bemühen. Wir sollten aber auch den Älteren einen angenehmen Aufenthalt ermöglichen.
Nikolaus Harnoncourt sagte immer, die klassische Konzertstruktur mit Ouvertüre, Solistenkonzert und Symphonie sei längst tot. Vielleicht doch nicht, gerade weil man das traditionell orientierte Publikum braucht?
Der Schwiegervater des 2020 verstorbenen Veranstalters Georg Hörtnagel, der nach dem Krieg die spätere Konzertdirektion Hörtnagel gegründet hat, schrieb seinerzeit einen Aufsatz über das überalterte Musikpublikum in den Fünfzigerjahren und dass dieses bald aussterben werde. 70 Jahre später reden wir noch immer über dasselbe Thema. Ich glaube, dieses Publikum wird nicht aussterben, aber klassische Konzertformen haben es zunehmend schwer. Trotzdem werden sie Bestand haben, vielleicht nicht mehr in dieser Breite und in dieser Masse. Daher überlegen wir uns auch andere Formate. Nehmen wir nur „Bach in Space“, bei dem wir zur Bach-Musik Nasa-Aufnahmen auf der Großbildleinwand zeigen. Ich finde das ein schönes Beispiel. Sehr viele sind völlig begeistert. Wir müssen also andere Formen finden, ohne die Musik zu kompromittieren.
Sie müssen sich gegen subventionierte Ensembles durchsetzen, die günstigere Karten anbieten…
…oder wir müssen sie ergänzen. Wir sind da manchmal das Salz in der Suppe, wenn wir junge Künstlerinnen und Künstler einladen – oder auch andere Formate ausprobieren. Trotzdem: Vergünstigte Tickets für 25- bis 30-Jährige, wie sie von den subventionierten Ensembles angeboten werden, müsste man mal kritisch hinterfragen. In dieser Altersgruppe gibt es Doppelverdiener, deren Ticket nicht notwendigerweise subventioniert sein muss. Es wird damit auch der Anschein erweckt, Klassik sei ein Billigprodukt. Mir geht es um die Wertigkeit. Menschen sind bereit, für etwas, das sie interessiert und das qualitativ hochwertig ist, einen entsprechenden Preis zu zahlen. Subventionen sind wichtig für Education-Programme. Aber ich finde nicht, dass 25- bis 30-Jährige ein Ticket für 8,80 Euro benötigen.
Es wird immer davon gesprochen, man habe das Vor-Corona-Niveau noch nicht erreicht.
Tatsächlich haben wir Publikum verloren. Aber die Tatsache, dass sich der Live-Bereich erholt, stimmt mich optimistisch. Das gemeinschaftliche Erleben von Musik ist nach wie vor wichtig. Ein Beweis dafür sind unter anderem unsere Kinofilme mit Live-Musik. Ich habe mich anfangs gewundert: Warum kommen da Menschen, die sich „Harry Potter“ oder „Der Herr der Ringe“ mühelos im Fernsehen anschauen könnten? In unseren Konzerten sitzen sie teilweise sogar verkleidet, und es gibt Szenenapplaus. Man sucht also das Live-Erlebnis in der Gemeinschaft. Das gilt auch für klassische Konzerte.
Dafür braucht man auch große Persönlichkeiten, die als Konzert-Magnet dienen. Wachsen die nach?
Insgesamt gesehen gibt es einen großartigen Nachwuchs. Unsere Reihe „Spot On“, in der wir Nachwuchs präsentieren, ist ein Kernstück unserer Arbeit. Nehmen wir nur den Pianisten und Komponisten Hayato Sumino oder die Cellistin Anastasia Kobekina als Beispiele. Die neuen Stars haben teilweise ein völlig anderes Image, auch durch ihre Social-Media-Präsenz. Und sie ziehen damit ein neues Publikum an. Wobei die älteren Besucherinnen und Besucher durchaus neugierig sind: Von „Breakin Mozart“ mit Breakdancern waren viele total begeistert.