PREMIERE

Zeremonie des Horrors

von Redaktion

„Bernarda Albas Haus“ als streng stilisierte, groteske Inszenierung im Cuvilléstheater

Wunderbar künstliche Ästhetik: Szene mit Katja Jung (li.) und Nicola Kirsch. © SANDRA THEN

Am Anfang war nicht das Wort, sondern der Hahn: Wenn ein schwarzer Riesenfensterladen aufgeht, der hier den Vorhang ersetzt, steht ein Prachtgockel auf der Bühne des Münchner Cuvilliéstheaters, blickt unbeeindruckt ins Publikum und wendet sich dann genüsslich pickend irgendwelchen Körnern am Boden zu. Der Beginn dieser wortkargen Inszenierung nach Federico García Lorcas Herrschafts-Parabel „Bernarda Albas Haus“ (1936) ist schon deshalb tierisch gut, weil der echte Gockel das einzig Lebendige darstellt in der Welt, die wir hier vorgeführt kriegen – und die im Kontrast dazu umso versteinerter wirkt.

Denn nach dem Tod ihres zweiten Gatten hat die spanische Matrone Bernarda Alba gemäß der Familientradition eine achtjährige Trauerphase verordnet, in der ihre fünf Töchter (deren älteste schon 40 ist) im Haus eingesperrt bleiben. In einer Art Gruft, in die „nicht einmal der Wind“ hineingelassen wird. Katja Jung gibt dieser Haustyrannin eine derart sadistische Bosheit, dass man sofort merkt, welche Lust es ihr ist, Macht auszuüben. Als die jüngste Tochter aus dem höllischen Konformismus dieses Familienkerkers auszubrechen wagt und als grüner Schmetterling über die Szene schwebt, wird sie von den eigenen Schwestern wieder eingefangen und gefesselt. Es folgt eine Strafe, die so fürchterlich sein muss, dass sie gnädig vor den Augen des Publikums verborgen bleibt, indem der Fensterladen endgültig zugeht und das Stück überraschend abrupt endet.

Der Text ist an diesem Abend auf wenige Zitate reduziert, die meist von einem schwarz verschleierten Frauenchor im Stil religiöser Choräle gesungen werden. Aber gerade so gelingt es bravourös, die Essenz des Stücks atmosphärisch freizulegen, denn Regisseurin Rieke Süßkow zelebriert eine wunderbar künstliche Bühnen-Ästhetik, die ihre Wurzeln bei Bob Wilson und Susanne Kennedy hat. Da ist alles streng stilisiert und ausgestellt; wie mechanische Puppen, die im klackenden Uhrwerk-Takt ihre Fächer schwenken, wirken die Töchter Bernarda Albas in ihrer nonnenhaft schwarzen spanischen Tracht. Als Tableau vivant sitzen sie verrenkt und von Gurten umschlungen auf Podesten und werden von einem unsichtbaren Fließband quälend langsam im Bühnenguckkasten vorbeibefördert, als sähen wir in ein Diorama mit alten Blechspielzeugen.

Für das Leiden dieser fremdbestimmten, verkrüppelten Seelen hat die Regisseurin mit ihrem ruckelnd-starren Bilderballett eine kongeniale szenische Entsprechung gefunden. Gleichzeitig wird die Gewalt, die in diesem Albtraum-Kosmos herrscht, körperlich spürbar, wiewohl die Beklemmung zuweilen durch groteske Momente gebrochen wird. Etwa wenn die Matrone sich statt eines Asthma-Sprays Schlagsahne in den Mund sprüht – oder in einer schrägen Kripperl-Szene, wo Bernardas durchgeknallte Mutter (Barbara Melzl) als Hippie-Oma mit Hängebrüsten ein Lamm gebiert.

Bei aller Faszination muss man feststellen: Der hochartifizielle Formalismus dieses spanischen Horror-Zeremoniells führt eher zur Ästhetisierung, als dass er für wirkliche Verfremdung sorgt. Es steckt noch eine Menge realistisches Mitfühltheater im effektvollen Bilderreigen, der somit letztlich auf eine psychologische Deutung der Untertanenmentalität hinausläuft. Denn wir sehen, wie die Unterdrückten ihre angestauten Aggressionen nicht gegen die Unterdrückerin wenden, sondern gegeneinander: gegen die jüngste Schwester, die den Schritt in den Nonkonformismus wagt, für den die anderen nicht den Mut haben. Und so muss wie alles Lebendige auch noch der Hahn dran glauben, der – nicht in Wirklichkeit, sondern mittels Attrappe – als blutiger Federbalg auf dem Hackstock landet und schließlich knusprig gebrutzelt auf den Tisch kommt. Langer Jubel.ALEXANDER ALTMANN

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