Bekenntnisse des Hochstaplers René

von Redaktion

So lässt man sich Operette gefallen: Lehárs „Graf von Luxemburg“ am Gärtnerplatztheater

Publikumsliebling Dagmar Hellberg als Gräfin Mathilde von Luxemburg. © ANNA SCHNAUSS

Beide wollen ihr altes Ich hinter sich lassen: der falsche Graf von Luxemburg (Daniel Prohaska) und Angèle Didier (Andreja Zidaric). © ANNA SCHNAUSS

Mit Klarnamen-Pflicht wäre das nicht passiert. Das steht schon einmal fest. Denn in Franz Lehárs „Der Graf von Luxemburg“ wimmelt es nur so von falschen Identitäten, Verwechslungen und Halbwahrheiten. So wie es sich für eine anständige Operette gehört. Wobei Regisseur Peter Lund sogar noch einmal etwas nachgeholfen hat. Gemeinsam mit Kai Tietje hat er für das Gärtnerplatztheater eine Fassung erstellt, die das Verwirrspiel clever in die Nähe von Thomas Manns berühmtem Hochstapler „Felix Krull“ rückt. Ein turbulentes Spiel um Schein und Sein, das selbst im historischen Gewand erschreckend aktuell erscheint.

Wehmütige Walzer ohne Zuckerguss

Auf einer Zugfahrt nach Paris begegnen sich zwei Menschen, die in der pulsierenden Metropole ihr altes Ich hinter sich lassen wollen. Das Dienstmädchen Ernestine, die unter dem Künstlernamen Angèle Didier Bühnenkarriere machen will, trifft auf einen Mann, den sie nach seinen vagen Andeutungen für einen Adeligen hält. Doch auch er ist keineswegs der Neffe, sondern lediglich der Kammerdiener der Gräfin von Luxemburg. Und es kommt natürlich so, wie es kommen muss. Trotz offensichtlichem Knistern entspinnt sich bei den folgenden Begegnungen in der Pariser Hautevolee eine freundschaftliche Rivalität. Aber zu ihren wahren Gefühlen wollen beide nicht stehen. Dies ist wiederum die Chance für den alternden Fürst Basil. Denn auch er hat ein Auge auf Angèle geworfen, die sich nun zwischen Reichtum oder der wahren Liebe entscheiden muss.

Aber wie so oft in der Operette, geht es auch hier weniger darum, was passiert, sondern wie man die Geschichte verpackt. Und da sind Lehár in diesem Fall einige seiner schönsten Walzer eingefallen, zu denen man sich auf der Bühne wehmütig im Dreivierteltakt wiegt. Dirigent Michael Brandstätter verzichtet zum Glück auf zusätzlichen Zuckerguss. Kühle Noblesse in den Salon-Bildern wechselt sich hier ab mit schwungvollen Revuenummern, bei denen im Graben ordentlich Dampf gemacht wird. Was ganz im Sinne der Regie sein dürfte.

Lund scheut sich nämlich nicht, das zentrale Pärchen mit scharfem Blick zu entzaubern. Der falsche Graf René ist bei ihm ein überzeugter, durch und durch karriereorientierter Kapitalist, der für den gesellschaftlichen und finanziellen Aufstieg schnell seine Gefühle beiseiteschiebt. Und auch Angèle, für die ihre Männerbekanntschaften nur Mittel zum Zweck sind, scheint ganz in der oberflächlichen Scheinwelt aufzugehen. Andreja Zidaric spielt das bei ihren Auftritten als Revue-Star mit glänzenden Spitzentönen und der passenden Star-Attitüde. Gleichzeitig erweist sie sich bei ihrem kurios schrägen Vorsingen aber auch als grandiose Komödiantin, die ihren eigenen Berufsstand lustvoll aufs Korn nimmt. Ähnlich wie Daniel Prohaska als vor Selbstbewusstsein beinahe platzender Titel-Antiheld. Selbst wenn er den schmachtenden jugendlichen Liebhabern langsam doch ein wenig entwachsen scheint.

Die beiden sind keineswegs die Einzigen, die hier auf dem Weg zum Happy End ein paar kleine Hürden zu überwinden und Missverständnisse zu klären haben. Absolute Publikumslieblinge sind da wieder einmal auch Erwin Windegger und Dagmar Hellberg, die mit einer ordentlichen Prise Selbstironie die gute alte Zeit hochhalten. Er als liebestoller Fürst im dritten Frühling, sie als sarkastisch-trockene Matriarchin. In der jüngeren Generation gibt es noch einen Maler aus dem Umfeld der „Wilden“-Truppe von Henri Matisse und eine ebenso am Hungertuch nagende Möchtegern Camille Claudel. Verkörpert mit viel Spielwitz von Peter Neustifer und Sophia Keiler, deren wahres Talent nur von einem anonymen Mäzen mit den Initialen „P.L.“ erkannt wird, der die beiden ins verdiente Rampenlicht rückt.

Paris zur Zeit der Weltausstellung

Eine Steilvorlage ist dieses Pärchen für Ausstatter Jürgen Franz Kirner. Er stellt ein Paris auf die Bühne, dessen Architektur den Geist der Weltausstellung von 1900 atmet und mit Verweisen auf die künstlerische Avantgarde der Zeit gespickt ist. Auch die Schneiderei des Hauses durfte sich bei den eleganten Kostümentwürfen von Darya Kornysheva austoben. Ein nostalgisch buntes Kaleidoskop, bei dem die gut geölte Drehbühne permanent am Rotieren ist und das Spiel ebenso im Fluss hält wie die spritzigen Choreografien von Alex Frei. So lässt man sich Operette gefallen! TOBIAS HELL

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