Handwerklich sicher

von Redaktion

„Abschied“ nach dem gleichnamigen Roman von Sebastian Haffner im Residenztheater

Allein, allein: Moritz Treuenfels im schwarzen Raum, vor sich einen glanzlosen Flügel. © SANDRA THEN

Im vergangenen Jahr gab es in deutschen Landen eine literarische Überraschung, die viele, ja doch, herzensfroh berührte: „Abschied“, ein Jugendwerk von Sebastian Haffner (1907-1999). Das Bayerische Staatsschauspiel brachte am Samstagabend im Residenztheater eine Bühnenversion dieses Textes von 1932 zur Uraufführung (eineinhalb Stunden, keine Pause).

Moritz Treuenfels fängt das Publikum souverän ein

Das Buch ist tatsächlich eine Mehrfach-Überraschung. So viele Jahre nach dem Tod veröffentlicht (Hanser Verlag), selbst für den Sohn eine Entdeckung! Und wer den knorrigen, Ehrfurcht einflößenden Historiker („Anmerkungen zu Hitler“, „Von Bismarck zu Hitler“) noch von seinen Auftritten, auch im Fernsehen, im Gedächtnis hat, fällt beim Lesen der ersten Zeilen von „Abschied“ fast vom Stuhl. Kann es dieser Haffner sein, der scharfsinnige und kantig formulierende Analytiker – im britischen Exil wurde der Jurist zum Journalisten –, der einen derart flockigen, bohèmehaft quirligen Roman verfasst hat?

Kein Wunder also, dass Regisseur Matthias Rippert (auch Textbearbeitung) und Schauspieler Moritz Treuenfels fasziniert waren von dem Buch. Raimund Pretzel, der sich in der Emigration umbenannte, durchdringt analytisch wie als älterer Haffner die Verhaltensmuster von Verliebten, beim Aufgewühlt-Sein, bei Streitereien. Genauso fängt er in dem Grüppchen, das in Paris zusammentrifft, auf bezaubernde Weise die Utopie einer gelungenen übernationalen Beziehung ein. Aus dem Ersten Weltkrieg hat man gelernt, und die Katastrophe ab 1933 muss nicht schicksalshaft eintreten. Sie ist „aufhaltsam“, würde Brecht sagen. Das alles formuliert Pretzel/Haffner in atemlosen Sätzen spritzig-treffend, selbstironisch, witzig und liebevoll: ein bissl berlinische Sentimentalität, ein bissl Pariser Charme und clareté.

Rippert entschied sich deswegen für einen Monolog, und Treuenfels sollte Haffners Zauber auf die Bühne bringen. Dagegen steht naturgemäß unser Wissen, um die Machtergreifung der Nazis, um ihren Völkermord an Juden und anderen, um den Zweiten Weltkrieg. So ertönt Treuenfels’ Stimme zunächst aus dem Off mit Worten aus „Geschichte eines Deutschen“. So sitzt danach der Darsteller im schwarzen Raum, über sich eine nüchterne Bahnhofslampe, vor sich einen glanzlosen Flügel (Bühne: Sarah Schmid), auf dessen Tasten er starrt – und wartet, ob die hustenden Zuschauer vom Resi doch noch ins Lungensanatorium wechseln. Moritz Treuenfels hält der Attacke stand und fängt schon nach ein paar Worten die Aufmerksamkeit des Publikums souverän ein.

Auch die Fassung von Matthias Rippert reduziert die Utopie in „Abschied“, die „Weltfreundlichkeit“. Ansonsten fasst sie Themen wie Zeit, Erinnerung, Liebe/Eifersucht gut auf, stellt feine Bezüge her. Die Rhythmisierung des Monologs von Melancholie und Aufgekratztheit entwickelt der Schauspieler, der ja keine Stütze hat außer Zigaretten und den Flügel, trotz Premiere recht entspannt und handwerklich sicher. Das Paris-Flair im Roman kommt jedoch genauso wenig rüber wie die lustige Anekdote mit Franz, die Treuenfels mit grauenhaftem Bairisch verhunzt. Erst nach dem Musik-Einschub (Komposition: Hans Könnecke, Improvisation: der Schauspieler selbst) wird die Figur der so sehr geliebten Teddy greifbar. Moritz Treuenfels gestaltet anrührend Raimund und Teddy in einem kleinkarierten Hickhack-Gespräch, in das sich der Flügel selbst klimpernd einmischt. Die Zärtlichkeit siegt schließlich auch beim „Abschied“ auf der Bühne. Herzlicher Applaus.SIMONE DATTENBERGER

Nächste Vorstellung

am 16. April; Karten unter Telefon 089/21 85 19 40 und
tickets@residenztheater.de

Artikel 9 von 11