Die Geigenbögen haben zunächst Pause. Stattdessen lässt die junge japanische Komponistin Noriko Koide in „Swaddling Silk and Gossamer Rain“ eingangs Bleistifte zwischen die Geigensaiten stecken. Durch nervöses Reiben an den Saiten entstehen rauchiges Rumoren, Knistern und feines Rauschen – Klang aus komponierter Stille. Vibrafon, Harfe und Klavier blitzen auf. Glissandi in den Streichern (nun mit Bogen statt Bleistift) weben auf und ab. Der Baukasten der Effekte bleibt klein, doch gerade daraus entsteht eine eigentümlich wabernde Klangruhe.
Danach ist Peter Tschaikowskis Violinkonzert ein abrupter Szenenwechsel. Augustin Hadelich spielt mit warmem Ton, unaufgeregt und zugleich stupend virtuos – jede Passage sitzt. Die Philharmoniker begleiten aufmerksam und mit großer Tempoflexibilität. In der Andante-Canzonetta trägt Hadelich geschmackvoll sparsam auf, das Orchester folgt unter Dirigentin Elim Chan sehr sensibel, spielt sich dynamisch aber auch an den Spannungsabbruch heran. Auch in der Formarchitektur überzeugt nicht immer alles: Übergänge geraten mitunter unvermittelt, etwa wenn im ersten Satz die Themenreprise des Orchesters nach sparsamer Klimax doch sehr plötzlich in den Saal gefeuert wird. Tut aber keinen Abbruch: Hadelich ist ein Erlebnis, sein Tschaikowski nicht nur im feurigen Finale hinreißend.
Nach der Pause folgen Edward Elgars wortwörtlich rätselhafte Enigma-Variationen. Chan setzt eingangs weniger auf spätromantischen Schmelz als auf britische Klarheit. Die Philharmoniker entfalten ihre Großklang-DNA umso mehr in den hinteren Variationen. Ein überzeugender Einstand der Senkrechtstarterin Elim Chan aus Hongkong in der Isarphilharmonie.WILLI PATZELT