Nirgendwo in Afrika

von Redaktion

Zwei Kirills mit Wagners „Rheingold“ bei den Osterfestspielen Salzburg

Göttliche Täter: Wotan (Christian Gerhaher, re.) und Loge (Brenton Ryan) mit Alberich (Leigh Melrose, u.). © F. Podlesnyi

Der Mann ist nackt und auf der Flucht. Über Geröll und Berge hinweg, ein Verstoßener, Rechtloser. Und es ist kalt, obwohl wir uns – so sagt es Regisseur Kirill Serebrennikov – irgendwo in Afrika befinden. Weit ist es also gekommen mit dem Klimawandel, am Äquator herrscht Permafrost. Es ist Alberich, der Ring-Räuber in Richard Wagners „Rheingold“, und man beobachtet ihn auf einem Schwarz-Weiß-Video, das über der Szene abgespielt wird.

„Rheingold“, das heißt normalerweise: Uranfang, Neubeginn, erster Sündenfall mit dem Raub des mächtig machenden, verfluchten Edelmetalls. Hier in der Salzburger Felsenreitschule soll alles eine Art zweite Chance für die Menschheit bedeuten. Irgendwie lassen sich sogar Verbindungen zum Kollektiv im Graben knüpfen. Dort sitzen die Berliner Philharmoniker, 1967 das Gründungsorchester und ab dann Inventar der Osterfestspiele. Nach einem langjährigen Exil in Baden-Baden wurden sie von Intendant Nikolaus Bachler zurückgeholt, selbstverständlich mit ihrem aktuellen Chef, mit Kirill Petrenko.

Es gibt wahrscheinlich nur ein Gespann weltweit, das sich gegen die Bilderflut dieser Regie behaupten kann. Petrenko dirigiert einen im kalten Bergkristallwasser gewaschenen Wagner. Mit ungeheuer präsenten Details und Schichtungen, mit sagenhafter Schnellkraft und Flexibilität, das Orchester kann mühelos von null auf 180 beschleunigen, von seidenfeinen Lyrismen bis zur Brutalo-Energie innerhalb eines Taktes die Klangmaske wechseln. Zügig ist Petrenko unterwegs. Pathos gibt es kaum, dafür eine sehnige Kraft – und eine verblüffende Tiefenschärfe. Oft staunt man: Hat man diese Mixtur mit Bassklarinette und Streichern je so deutlich gehört? Wurden die Kontrabass-Sprints nach dem Gewitter im letzten Bild je so überscharf herausgemeißelt?

Pro Jahr wird in Salzburg einer der vier „Ring“-Teile herausgebracht, 2028 unterbrochen von Schönbergs „Moses und Aron“. Weil das Große Festspielhaus saniert wird, müssen die Osterfestspiele in die Felsenreitschule ausweichen. Die hat viel Atmosphäre, aber eine knifflige Akustik. Petrenko und die Berliner können sich ungehindert entfalten. Für die Breitwand-Bühne hat man ein Gesangspersonal ausgewählt mit zwar flexiblen, aber schmalen Stimmen. Die können im Raum nur schwer Resonanz gewinnen, am besten gelingt das Le Bu (Fasolt), Patrick Guetti (Fafner) und Gihoon Kim (Donner) mit ihren Breitband-Organen.

Alles kreist bei Regisseur und Ausstatter Serebrennikov um Alberich. Bei Leigh Melrose ein expressiver, animalischer Outsider. Zu hören ist viel Ausdruckswut, vokal bewegt sich das am Limit. Auch beim Star des Abends, bei Christian Gerhaher. Es ist sein erster und bleibt sein einziger Wotan, in den Folgeteilen übergibt er an Christopher Maltman. Eine weise Entscheidung. Wie immer erlebt man bei Gerhaher ein immens reflektiertes Singen. Doch die weiträumige Geste, die Grandezza, die es für die Rolle auch braucht, das fehlt ihm. Viel mehr noch: Vom vokalen Habitus müsste ihm Alberich sogar besser liegen. Brenton Ryan ist ein prägnanter, nie zu karikaturenhafter Loge, Catriona Morison eine sehr lyrische Fricka, der Rest achtbar bis akzeptabel.

Sie alle hausen in einer unwirtlichen Szenerie. Erkaltete Vulkanschlacke könnte das sein, auch ein dreckiger Gletscher. Serebrennikov rückt das „Rheingold“ (wie derzeit andere auch) ein gutes Stück Richtung Mythos. Man trägt afrikanische Kultgegenstände und Gewänder, die Götter müssen den Boden nicht betreten, werden getragen oder stolzieren auf Stegen. Loge tourt mit buntem Schirmwagen als fahrender Händler – und wird von einem Alter Ego begleitet. Einige Figurendopplungen gibt es also, ob Bruder/Schwester, Doppelgänger oder Stellvertreter, man weiß es nicht so genau.

Exotische Kulinarik und viel Augenfutter

Serebrennikov arbeitet mit Andeutungen. Götter und Fußvolk, das heißt auch Kulturenclash und Sklaverei. Aufwendig ist das alles aufgerollt, es gibt viel Augenfutter. Mit fantasievollen Bildwirkungen, nicht nur bei den acht Video-Screens, die geisterhaft durch den Bühnenhimmel wandern. Und wenn man sich die exotische Kulinarik wegdenkt, bleibt lediglich ein traditionelles Arrangement. Das erzählt (zu) wenig über Anziehungs- und Fliehkräfte zwischen den Figuren – zumal eine Fokussierung im allgemeinen Gewusel schwerfällt.

Serebrennikov nimmt die Wirkung der wuchtigen Felsenreitschule auf. Und lässt sich von ihr verführen: Er behauptet im „Rheingold“ eine Archaik, die das Stück kaum liefert. Wagner ging es vielmehr um persönliche Verheerungen und Apokalypsen. Doch die sind im Dekorativen dieser Inszenierung kaum erkennbar. Serebrennikovs Abend sieht so aus, als habe Christoph Schlingensief durch eine seiner Perfomances gefeudelt und mal aufgeräumt. Allein: Es ist ja nur der Anfang. Musikalisch herrscht dafür Klarheit, da kündigt sich ein Riesen-„Ring“ an.

Weitere Vorstellungen

am 1. und 6. April;
osterfestspiele.at

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