Mehr junges Publikum im Münchner Nationaltheater? Genau dies schafft Staatsballett-Chef Laurent Hilaire in dieser Saison mit seinen modern-zeitgenössischen Programmen. Anhaltend phonstarker Jubel soeben für die dreiteilige Premiere „Common Ground“. Titel haben Plakat-Charakter. Tatsächlich zielen hier drei Choreografen „gemeinsam“ in die Moderne: Jirí Kylián, der ehemalige langjährige Leiter des Nederlands Dans Theaters, und die Schweden Alexander Ekman und Johan Inger, die im NDT ihre Karriere starteten.
Der zeitgenössische Tanz muss sich nicht mehr erklären
Auftakt mit Ekmans von ihm selbst ausgestatteten „Cacti“ (2010) – ein unmittelbar mitreißendes Werk. Der Titel „Kakteen“, irgendwie rätselhaft, weckt gerade dadurch unser Interesse. 30 Staatsballett-Mitglieder, alle in weißen Outfits, vom Bühnenhimmel mit Lichtkegeln berieselt, fegen in verschiedenen Formationen über die dann auch mit großen weißen Quadraten ausgelegte Bühne. Geradezu aufregend schräg flitzend dann alle Tanzbewegungen – weitab von der Neoklassik. Tom Vissers Licht spielt wunderbar mit, holt mal hier, mal da einen irrwitzig skulptural bewegten Körper aus dem Dunkel heraus. Die weißen Riesen-Quadrate, zwischendurch auch mal senkrecht gestellt, dienen dem schließlich sitzenden Ensemble als Trommel-Platte. Immer mal wieder wandert ein Streichquartett über die Bühne, inspiriert durch Beethoven, Haydn und Schubert. Schließlich bietet das Ensemble eine theatrale Abschlussperformance mit eigenhändig schnell installiertem Bühnendekor. Nachzulesen ist im Programmheft, dass Ekmans „stachelige Sukkulenten“ als Antwort auf ärgerliche Tanzkritik gedacht waren. Für das heutige Publikum ist dies nicht mehr wichtig. Ähnlich wie die moderne Malerei muss auch der zeitgenössische Tanz sich nicht mehr erklären.
Völlig freie Tanzbewegung auch in Johan Ingers „Impasse“ (2020), also „Sackgasse“. Inger geht es um die existenzielle Ausweglosigkeit, in die eine Gesellschaft geraten kann. Ein Indiz dafür auf der Bühne (auch von Inger) sind die begrenzten Möglichkeiten des Ankommens in der Gesellschaft und des Abtretens. Es gibt nur eine nachgebaute reale Pforte für Frauen und Männer. Mit kleineren Tür-Umrissen aus Neonröhren wird die existenzielle Not nochmals angedeutet. Wer hier hereinkommt, tanzt sich die Seele aus dem Leib. Es beginnt mit einer Frau, zu der sich dann noch Männer und andere Frauen gesellen. Jede Bewegung fährt, schlingert, zuckt durch den ganzen Körper, angeheizt von fremdländischen Klängen und Rhythmen (Ibrahim Malouf, Amos Ben-Tal). Man könnte durchaus dieses unentwegte Extrem-Tanzen als gewollte Betäubung, als Verdrängung der Not deuten. Bewundernswert, wie Violetta Keller, Severin Brunhuber, Soren Sakadales und weitere zwölf Staatsballett-Mitglieder sich in diesen freien Bewegungsstil hineinwerfen.
Zum Abschluss dann Jirí Kyliáns „Bella Figura“ (1995 ) seit 2002 im Münchner Repertoire. Man kann dieses sehr edle neoklassische Ballett sicher auf verschiedene Weise deuten. Wir sehen es als eine kultische oder religiöse Feier. Gleichzeitig schaffen Pergolesi, Torelli und Vivaldi den getragenen musikalischen Raum für Kyliáns so elegante neoklassischen Linie – die sich unaufdringlich, aber doch schon in die Moderne wagt. Da sind so ganz andere Armführungen, auch Pas-de-deux-Griffe und Hebungen der Partnerin, die in die Neo-neo-Klassik hinüberreichen. Traumhaft schön die hier eingesetzten Solisten in ihrer Eleganz, ihrer Ruhe und dem inneren Mitgehen in der Bewegung.
Ein Abend mit zwei Pausen ist nicht publikumsfreundlich
Eigentlich, also historisch gesehen, hätte dieses Werk die Premiere eröffnen müssen. Bühnentechnisch wäre dies leider nicht möglich gewesen, so die Auskunft aus dem Ballett-Büro. Dazu doch noch eine Anmerkung: Ein Abend mit zwei längeren Pausen ist nicht publikumsfreundlich. Konstanze Vernon, die Gründerin und erste Chefin des Bayerischen Staatsballetts, hatte für Kreationen angeordnet: nur eine Pause. Das war klug. Jetzt die Hoffnung, dass dies auch unter Ballettchef Laurent Hilaire die Regel bleibt.MALVE GRADINGER
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am 16. , 20., 23., 25. April. Karten unter Telefon 089/2185 1920