An diesem Schauspielertheater darf man sich ergötzen: Szene mit (v.li.) Eva Bay, Maren Solty, Stefan Merki und Vincent Redetzki. © Judith Buss
So viel haben wir jetzt schon mal gelernt: „Woke“ ist es, wenn Rollen beim Film „nach Marginalisierungszusammenhang“ besetzt werden. Nicht woke hingegen sind Sahra Wagenknecht und die Schriftstellerin Juli Zeh, obwohl oder vielmehr weil beide ja klassische Positionen der politischen Linken vertreten. Nicht ganz zu lösen war allerdings das Rätsel, warum genau es jetzt lustig ist, wenn ein Darsteller unvermittelt ausruft: „Der Elefant im Raum ist doch der Islam.“ Aber solche Feinheiten erschließen sich vermutlich nur intimen Kennern der Wokeness, dieser Drama Queen unter den Weltanschauungen.
Klar ist jedenfalls: Wer immer dachte, „woke“ habe vorwiegend mit der Liebe zu Gendersternchen und ähnlichem Nippes zu tun, sieht sich eines Besseren belehrt durch die Uraufführung der Filmriss-Groteske „Wokey Wokey“ in den Münchner Kammerspielen, bei der Gendersprache nicht im Fokus steht. Auch das genuin Politische, also die Frage nach Eigentumsverhältnissen und der daraus resultierenden Verteilung des Kuchens, kommt nicht vor im woken Skript, das im Kern religiöse Züge trägt und in puritanischer Tradition nach Reinheit oder Freiheit von Sünde strebt: Wokeness als asketische Variante von Wellness.
Dementsprechend puristisch-clean sieht auch die Bühne aus: ein leerer Guckkasten, in dem die Akteure vor einem (gelben!) Greenscreen reines Schauspielertheater zelebrieren, das Freunde der traditionellen Mimenkunst ergötzen dürfte. Aber schließlich ist der von Nora Abdel-Maksoud ersonnene und inszenierte Abend ja als Satire gedacht, als eine Art Kabarett, das sich über die Gegner der Wokeness lustig zu machen trachtet, zuweilen aber auch woke Marotten aufs Korn nimmt.
Als Rahmen dafür dient eine Geschichte aus der Filmbranche. Im Mittelpunkt steht die natürlich berufstypisch affektierte Regisseurin Gordon. Ob es politisch korrekt ist, diesen häufig jüdischen Namen für einen Schießbudencharakter zu casten, dürfte unter Wokeness-Experten umstritten sein.
Gordon jedenfalls möchte George Orwells Roman-Klassiker „1984“ als Musical verfilmen und so Parallelen aufzeigen zwischen der dort geschilderten Diktatur und der Wokeness unserer Tage. Aber das Low-Budget-Projekt scheitert an den Eitelkeiten und Allüren der verpflichteten Schauspieler sowie an der Dummheit der beiden Musiker vom „Bumsquartett“, die sich als Jungnazis entpuppen – bis endlich alles in einer Massenschlägerei am Filmset kulminiert.
Unterhaltsam ist der Abend also auf jeden Fall, selbst wenn man nicht alles kapiert. Denn zum einen funktioniert das Stück auch als schräge Backstage-Komödie aus der gar nicht immer glamourösen Welt des Films.
Und zum anderen dürfen hier fünf Schauspieler, die den Dreh raushaben, darunter Johanna Eiworth und Stefan Merki, auf höchstem Niveau drauflos chargieren, als wär’s ein Komödienstadel für Besserverdiener. Ob so eine Gaudi noch dem woken Reinheitsgebot entspricht, sei dahingestellt. Cut – und tosender Beifall.ALEXANDER ALTMANN
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