Aus der weiß-blauen Halbwelt

von Redaktion

„Münchner Leben“ als teils zähe Offenbach-Variation im Prinzregententheater

Der Triumph kommt spät: Markus Stoll alias Harry G spielt Wiesnwirt Korbinian Breznknödel. © Chris Hirschhäuser

Zweidimensionale Umhangkostüme aus weißer Pappe geben dem Abend teilweise etwas Schultheaterhaftes. © Chris Hirschhäuser

Operette lebt von Gegenwart. Ihre spöttische Energie entsteht aus dem Vergnügen, bestehende Verhältnisse mit einem Lächeln zu zerlegen. Genau hier liegt die Schwierigkeit von „Münchner Leben“, der bajuwarisierten Fassung von Offenbachs „Pariser Leben“. Die Kammeroper München zeigt im Prinzregententheater das München von 1866. Bayern verliert im deutschen Krieg an der Seite Österreichs gegen Preußen, an der Isar kocht die antipreußische Stimmung hoch.

Ein Student und Revoluzzer namens Nepomuk gerät auf der Flucht vor der Polizei in eine bizarre Begegnung mit dem preußischen Oberregierungsrat Heinrich Gröbner und seiner Frau Wilhelmine, die als Touristen in die Isarmetropole gekommen sind. Im Gepäck: ein grotesker Plan. München soll in einen preußischen „Reichszoo“ verwandelt werden. Nepomuk beschließt kurzerhand, den Preußen als Fremdenführer abzuzocken. Also schleust er ihn für politische Konsultationen mit bayerischen Abgeordneten ins Bordell. Außerdem dabei: ein dubioser Grieche und eine windige Unternehmerin. Münchner Halbwelt eben.

Das Problem: Der politische Witz dieses Konflikts zündet heute nur bedingt. Der Gegensatz zwischen Bayern und Preußen gehört ins Museum – zumindest als politische Kategorie des 19. Jahrhunderts. Die „Preißn“ als bayerisches Stammtisch-Soziologikum sind freilich immer aktuell. Doch ausgerechnet alles Bajuwarische erscheint hier oft in schneidender Preißn-Manier.

Auch musikalisch entsteht Reibungsverlust. Offenbachs funkelnder Pariser Operettenklang – Couplets, Walzer, rasante Finali – verbindet sich nicht ohne Weiteres mit Münchnerischem „Savoir Vivre“. Die Inszenierung von Dominik Wilgenbus verstärkt den Eindruck: Zweidimensionale Umhangkostüme aus weißer Pappe wirken beim Singen hinderlich und verleihen dem Abend stellenweise etwas Schultheaterhaftes. Vor der Pause erzählt sich die Geschichte zäh. Der Text hat nicht selten etwas von „Reim dich oder ich fress dich“. Der Kenner entdeckt zwar allerlei Wagner-Zitate, doch manches hält unnötig auf und springt plötzlich weiter. Nachdem man auf der großen Hintergrundleinwand den „Leierkasten“ von innen und außen gesehen hat, während sich dort bayerische Politik abspielt, geht man als Münchner – oder als solcher honoris causa – mit irritiertem Blick auf die eigene Stadt in die Pause. Quasi mit dem umgekehrten Motto des Etablissements: Man kam als Freund und geht als Fremder.

Nach der Pause dreht der Abend hörbar auf. Der neu kreierte dritte Akt, die Begegnung Wilhelmine Gröbners mit Ludwig II. und Richard Wagner, gehört zu den stärksten Passagen, zumal hervorragend gesungen wird. Besonders umwerfend: Florentine Schumacher als Wilhelmine mit betörendem Timbre und vokaler Leuchtkraft. Überhaupt überzeugt die Produktion vor allem musikalisch: Aris Alexander Blettenbergs Arrangement für 13 Musiker führt Offenbachs Musik geschickt zusammen; das Ensemble spielt präzise und mit Verve – auch wenn dem Klang gelegentlich etwas Fundament in den tiefen Registern guttäte. Das Harmonium, an dem Blettenberg dirigierend sitzt und gelegentlich Akkorde beiträgt, bleibt eher dekorativ.

Der eigentliche Triumph kommt spät. Markus Stoll alias Comedian Harry G tritt als Wiesnwirt Korbinian Breznknödel auf und erhält sein großes satirisches Solo – seit dem Frosch aus der „Fledermaus“ Operettentradition. Stoll nutzt die Szene für ein brillantes Stand-up über die Zukunft der Wiesn – gesehen mit den Augen von 1866. Da wird Edmund Stoibers legendäre Transrapid-Rede antizipiert und eine dystopische Vorstellung von billig produzierten China-Lederhosen entworfen. „Am Ende campieren italienische Wiesn-Touristen noch in einer Zeltstadt in Thalkirchen, nur um morgens rechtzeitig vorm Bierzelt zu stehen.“ Genau hier blitzt jene Gegenwartsschärfe auf, die Operette braucht. Ein Abend mit etwas verquerer Handlung, guter Musik und einer Inszenierung, die ihrem Stoff oft im Weg steht – gerettet von einem Komiker, der zeigt, wie sehr Operette vom richtigen Witz im richtigen Moment lebt. Und die Gröbners aus Berlin? Die wollen in München bleiben. Versteht sich.WILLI PATZELT

Weitere Vorstellungen

am 21., 22., 29., 30. April;
Telefon 089/93 60 93.

Artikel 4 von 11