Wer ganz nach oben will, braucht Ellenbogen und sollte es mit der Moral oder Ehrlichkeit nicht immer allzu genau nehmen. Daran hat sich seit der Uraufführung von Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ leider nur wenig verändert. Und so kommt die für die venezianische Karnevalssaison 1642/43 entstandene Oper nun auch am Augsburger Staatstheater fast schon eine Spur zu aktuell daher.
Ein Kaiser, der eine ganze Stadt niederbrennt, um sie nach seinen Vorstellungen neu zu erbauen und der seine Kritiker mundtot macht und die kaum minder intrigante Gattin schamlos betrügt: Da sind Ähnlichkeiten mit Personen des öffentlichen Lebens nicht von der Hand zu weisen. Und so zeigt Intendant André Bücker eine hedonistische Gesellschaft, deren dekadente Party mit Cocktails und aufblasbaren Plastik-Flamingos ebenso in Florida angesiedelt sein könnte wie im Steuerparadies Dubai.
Bücker lässt sein Ausstattungsteam Robi Vogt und Aleksandra Kica einmal mehr im knallig bunten Retro-Look schwelgen, belässt es in der Bildsprache aber meist bei Andeutungen, die nur selten in letzter Konsequenz durchgezogen werden. Gleich zu Beginn zeigt er die Titelheldin etwa als Internet-Berühmtheit, die auf „SoloFans“ mit harmlosen Fesselspielen die schmutzigen Fantasien ihrer Follower bedient. Doch danach lässt man die virtuelle Scheinwelt schnell hinter sich. Ebenso wie die Folterlust von Kaiser Nero, die zur Überreichung des peinlichen FIFA-Friedenspreises wieder unter den Teppich gekehrt wird. Wobei es wiederum für Bücker spricht, dass er sich nicht einfach nur auf den orangefarbenen Präsidenten und seine Amigos einschießt. Wenn Poppea als neue First Lady im Schlussbild ihren Weg zum (kurzzeitigen) Ruhm in Buchform verarbeitet, erinnert dies auch an Bill Clintons Ex-Praktikantin Monica Lewinsky und andere Goldgräberinnen.
Das eigentliche Ereignis findet diesmal vor allem im Graben statt. Obwohl die Augsburger Philharmoniker natürlich kein Originalklang-Orchester sind, ist hier in jedem Takt zu spüren, mit wie viel Lust und Entdeckungsfreude sich die Musikerinnen und Musiker auf die historisch informierte Lesart von Dirigent Sebastiaan van Yperen einlassen. Ebenso wie die engagierte Continuo-Gruppe, die dafür sorgt, dass in den endlosen Rezitativen nie die Spannung abreißt.
Den Sängerinnen und Sängern oben auf der Bühne ist dagegen schon deutlicher anzuhören, dass die Musik der Renaissance nicht unbedingt zum täglichen Brot gehört. Da gibt es gerade in den kleineren Partien, die zum Teil aus dem Chor besetzt wurden, Licht und Schatten. Eine absolute Wonne ist allerdings Kate Allen, die mit wohltönender Alt-Stimme Poppeas ausgebooteten Liebhaber Ottone gibt. Ebenso Natalya Boeva als betrogene Kaiserin Ottavia, deren resigniertes „Addio Roma“ ähnlich unter die Haut geht wie das berühmte Schlussduett „Pur ti miro“. Das stammt zwar aller Wahrscheinlichkeit nicht von Monteverdi selbst, hat aber mit Gerben van der Werf einen stilsicheren Nero, dessen angenehm timbrierter Countertenor hier ideal mit dem kühlen Sopran von Jihyun Cecilia Lee verschmilzt. Sie bewegen sich ähnlich stilsicher wie Priya Pariyachart, die als Fortuna den hedonistischen Kaiserhof ordentlich aufmischt. Da mag Avtandil Kaspeli als Seneca mit seinem wuchtigen Bass auch noch so autoritär dagegenhalten. An Neros Kaiserhof muss sich der Philosoph den Blendern geschlagen geben. Aber dieses Gefühl kennen wir ja inzwischen zur Genüge.TOBIAS HELL
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