Eine Frau auf Seitenpfaden: Birgit Birnbachers grandioser Roman „Sie wollen uns erzählen“

von Redaktion

Im lakonischen Ton erzählt Birgit Birnbacher. © E. Mayer

Es gab schon mal eine große, österreichische Autorin, die sich unvergleichlich empathisch, verständig und unaufgeregt mit ihren Figuren im Kindes- und Jugendalter durch die brutal verwirrenden Situationen laviert hat, die in diesem Lebensabschnitt einfach so passieren: Unvergessen, wie Christine Nöstlinger zum Beispiel Gretchen Sackmeier und „den Franz“ beim Kindsein und Erwachsenwerden begleitet hat und in jeder Absurdität des Alltags noch etwas Tröstliches finden konnte, verstärkt durch den trockenen Humor und – ganz wichtig – die starken Frauenfiguren.

An diese Nöstlinger-Geschichten erinnert sich vielleicht, wer Birgit Birnbachers Roman „Sie wollen uns erzählen“ liest. Er folgt dem neunjährigen Ozzy und seiner Mama, die jeweils versuchen, nicht wahnsinnig zu werden in diesem Leben und dieser Gesellschaft, in die sie beide nicht so richtig passen. Ozzy hat ADHS und seine Mama, na ja, die muss sich eingestehen, dass er es vielleicht von ihr hat. Aber das ist jetzt mal Nebensache, obwohl es sonst so viel Raum einnimmt in ihrem gemeinsamen Leben, denn die Oma ist aus dem Krankenhaus abgehauen, und auf Ozzys Hippie-Tante Nell ist kein Verlass. Also brausen Mutter und Sohn, die Oma auf einem Einsiedlerhof im Salzburger Innergebirg vermutend, gemeinsam los, um die Matriarchin zurückzuholen, nicht ahnend, was diese Fahrt in die Berge alles auslösen und einrenken wird.

Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher ist beim Erzählen ganz nah dran an ihren Figuren – nicht nur an Ozzy, auch an seiner Mutter Ann. Ohne Pathos zeichnet sie das Bild einer Frau, die, so drückt es Anns Therapeutin aus, in ihrem Denken und ihrem Leben immer die Seitenpfade nehmen musste und nie zur Autobahn fand, was allen anderen doch so spielend zu gelingen schien. Die aber über diese Seitenpfade und verschlungenen Wege doch zu einem Job gefunden hat, der sie erfüllt, einem Mann, der sie liebt, und einem wunderbaren Sohn, der es einmal leichter haben sollte. Und die dann doch an all dem zu scheitern droht: der Mann weg, der Job in Gefahr und der Sohn schon im Grundschulalter mit all den Stempeln versehen, vor denen sie ihn bewahren wollte.

Es geht um Ozzy in diesem Buch, aber es geht auch um Ann, ihre Schwester Nell und ihre Mutter Zäzilia: Menschen, die an gesellschaftlichen Normen verzweifeln wie Ozzy, die an Grenzen stoßen und gegen Wände rennen, die für das, was von ihnen erwartet wird, ungleich mehr Anstrengung und Kraft aufwenden müssen als ihre „neurotypischen“ Pendants. Birgit Birnbacher erzählt intensiv und mit der richtigen Prise Humor. Die Tiefe, die sich unter dem lakonischen Tonfall verbirgt, raubt einem den Atem. Ein grandioser Roman.JOHANNA SCHULTHEISS

Birgit Birnbacher:

„Sie wollen uns erzählen“. Zsolnay, Wien, 224 Seiten; 24 Euro.

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