Fundstück an einer Tür des Kinos. © Doris Kuhn
Zwei der vier Betreiber: Wolfgang Bihlmeier (li.) und Bernd Brehmer im 46-Plätze-Kino. © Catherina Hess
Ein eigenes, eigentümliches Biotop ist dieses Kleinod an der Frauhoferstraße. © Doris Kuhn
Utopia hat 46 Sitzplätze. Und war mal eine Kegelbahn. Cineastisch war‘s ohnehin immer kleines Paradies: Das Werkstattkino, im Hinterhofkeller des Fraunhofer. Das am 3. April seinen 50. Geburtstag feiert. Weil man hier vor allem fand, was die hehre Filmgeschichtsschreibung gern ausblendete: Genre, Experimentelles, Anrüchiges. Aber vielleicht kann man sich gerade dieser Tage hier auch was abschauen übers Zusammenleben.
Sechs Individuen betreiben aktuell dieses Münchner Kinokulturerbe. Ohne Hierarchie. Wer eine Filmreihe gestaltet, genießt völlige Freiheit. Ab und zu gibt‘s liebevollen Spott untereinander – aber grundsätzlich Respekt, nie Reinreden. Das erzählt Doris „Dolly“ Kuhn, die seit den Achtzigern dabei ist. „Wir sind wie eine Band“, sagt Bernd Brehmer – lange das Küken im Kollektiv aus Erich „Waco“ Wagner, Wolfgang „Wolfi“ Bihlmeier und Kuhn, bis jüngst Thomas Stottele und Matthias „Thia“ Tiefenbeck dazukamen.
Es herrscht Idealismus statt Ideologie. Wobei die Ur- und Frühgeschichte der Umgestaltung der Wirtshaus-Kegelbahn zum Kino eng verbunden ist mit der weltverbesserischen linken (Punk-)Szene. Nach einer Weile war aber nur noch Wagner übrig, den Western mehr interessierten als Politdiskussionen. Er ist noch heute aktiv, wenn auch nicht im Ein-Personen-Tagesgeschäft von Einlass, Bierverkauf, Filmvorführung.
Hier wurde lang gepflegt und gefeiert, was später allgemein als cool galt. Klaus Lemke etwa hielt man stets die Treue. Auch zu Zeiten, als zu einer seiner Premieren ganze sieben Leute kamen – die er souverän einzeln per Handschlag begrüßte.
Das alles funktioniert, weil es keinem Marktdiktat gehorcht. Die Betreibenden verdienen ihren Lebensunterhalt anderweitig. Ab und zu gibt es Förderung für einzelne Reihen, regelmäßig den Kinoprogrammpreis der Stadt. Nicht Kommerz, Konsens, didaktische Bevormundung bestimmen das Programm. Sondern subjektive Leidenschaft, Liebe zum Film. „Wir schauen die Filme selber an, die wir zeigen“, betont Kuhn. Welche das sind, wird noch immer auf schwarz-weißen DIN-A4 Handzetteln verkündet. Im „Jubelprogramm“ spielen alle Aktiven noch mal jenen Film, den sie selbst als ersten im Werkstattkino sahen.
Beim Autor dieser Zeilen war das einst: erst mal keiner. Der Staatsanwalt hatte die Kopie von „Maniac“ beschlagnahmt. Das war eine Weile bundesweit belächelte Routine, als Horrorfilme staatsgefährdend galten. Und wenn die konservative Ecke nicht einschritt, gab‘s Ärger von links – legendär etwa anlässlich der Doku „Beruf: Neonazi“.
Solch wildbewegte Zeiten liegen nun länger zurück. „Wie will man radikal sein, wenn alles erlaubt ist?“, fragt Kuhn. Heute ist das Kino dafür wichtige Heimstätte für Erstaufführungen von unabhängigen Verleihen und für kleinere Festivals.
Der Werkstattkino-Dunstkreis strahlte aus in die deutsche Filmlandschaft. Man bastelte etwa an einem Fanzine: „X-Film“. Anatol Nitschke nahm den Namen mit, als er dann nach Berlin ging, um eine der heute größten deutschen Filmfirmen zu gründen.
Über die Jahre hat das Kino auch eine eigene Sammlung von Filmen angelegt. Genießt international Ansehen im Zirkel der Archive, Kinematheken. Die Wiener Viennale hat ihm 2003 eine Hommage gewidmet. Und es ruft schon auch mal Cannes an, wenn Tarantino dort einen Lieblingsfilm analog zeigen will.
Noch immer tun dieselben zwei 35-Millimeter-Projektoren ihren Dienst, dazu zwei für 16 Millimeter und ein Beamer für Digitalbild. Freilich: „Die Maschinen und die Menschen werden älter. Hoffentlich halten beide noch eine Weile“, lacht Kuhn. Wir wünschen, dass die Utopie noch lange jung bleibt.THOMAS WILLMANN