„Was macht meine Kleinmütigkeit aus?“, fragt sich Monika Maron und offenbart ihre Träume und Ängste, auch ihren Mut. © Jonas Maron
„Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig.“ So unterschrieb einst Monika Maron ihren Brief an Klaus Höpcke, den stellvertretenden Kulturminister der DDR, in dem sie um eine Reisegenehmigung in den Westen bittet. Als Verantwortlicher für den Literaturbetrieb und seine Schriftsteller ist der SED-Genosse Höpcke eine aalglatte, berüchtigte Person. Dieses Zitat wählten nun Verlag und Autorin als Titel ihres soeben erschienenen Buches. Es sind bislang unveröffentlichte Tagebücher Monika Marons aus den Jahren 1980 bis 2021.
Perfides der DDR-Kulturpolitik
Diese Datumsangabe ist trügerisch. Wie auch sollten Aufzeichnungen aus angekündigt 41 Jahren auf 236 Druckseiten passen? Also gibt es große zeitliche Lücken. Und wer sich hier Indiskretionen oder rein Privates erwartet, dürfte ohnehin enttäuscht sein. Dennoch lohnt es sich, sich in dieses Buch zu vertiefen. Es ist wie ein nachträgliches Eintauchen in die perfiden Machenschaften der DDR-Kulturpolitik. Zu erkennen sind in Marons Tagesnotizen ihr Mut, ihr Scharfsinn, ihre Träume, ihre Ängste. „Was macht meine Kleinmütigkeit aus“, fragt sie sich.
Ihr Dasein ist geprägt durch politische und gesellschaftliche Unwägbarkeit, abhängig von Gunst und Launen der Mächtigen. Das muss die Prominententochter – der Innenminister der DDR, Karl Maron, ist ihr Stiefvater – bitter erfahren: Ihre Bücher, angefangen mit „Flugasche“, dürfen nicht erscheinen. Erst ein Bittbrief an Politbüromitglied Kurt Hager, den Chefideologen der Partei, ebnet den Weg für ein West-Visum.
Im Herbst 1983 beginnt Marons Reisejahr. Sie ist 42 Jahre alt. Alles, was sie in diesen Monaten im Tagebuch festhält, ist geprägt von stilistischer Schönheit, tiefer Empfindung, großem Staunen und einer nie versiegenden Unsicherheit. Während der Zugfahrt am Rhein entlang überfällt sie eine unbestimmte Sehnsucht nach der Einheit des getrennten Landes: „Deutschland ist schön“, notiert sie. „Und da haben wir das fatale Wort: Deutschland, das es gar nicht gibt.“ Als die Bahn sie wenig später durch Würzburg und die mainfränkische Weinlandschaft leitet, ist das Staunen groß: „Aus so viel Paradies haben sie uns vertrieben.“
Fremdheit bei ihren Aufenthalten in London, Mailand und Rom empfindet sie vor allem durch ihre – DDR-typisch – geringen Sprachkenntnisse. Die größte Herausforderung steht noch bevor: New York im Juni 1984. Den Weg dorthin muss sie allein schaffen – „von Tegel nach N.Y. in die Green Street in Soho“. Natürlich schafft sie ihn. Mit Heimweh im Herzen findet sie im Telefonbuch von Manhattan immerhin 15 Marons. Aber sie findet auch Kakerlaken in ihrem Quartier. Sie streift durch die heiße Stadt, ziemlich reserviert durchs Museum of Modern Art, staunt über Beuys, „den ich ohnehin für einen Hochstapler halte“. Trotzdem, diese Metropole ist für sie eine Offenbarung. Der Eintrag im Tagebuch: „In der Hitze mich auflösen, im Straßengewirr untergehen, im Lärm ertrinken. Immer wieder das Gefühl, ich habe an meinem Leben vorbeigelebt, weil es nicht in New York stattgefunden hat, sondern in Ost-Berlin.“ Diese Stadt, so die 43-Jährige, sei das „wunderbarste Erlebnis, das ich je hatte“.
Die frühen Jahre der Tagebücher sind die interessantesten, die besten. Sie erzählen von den Lebensverhältnissen der Autorin, der Skepsis sich selbst gegenüber, ihrer Selbstbefragung: „Aber warum habe ich diesen Charakter, der sich nicht beugen kann?“
Ab Ende der 80er-Jahre werden die Einträge spärlicher, versiegen teilweise ganz. Es geht nun, 1988, vor allem um die beantragte dreijährige Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik, und zwar mit Mann und Kind. Und um die Qual der widersprüchlichen Empfindungen: Sie könne nicht begreifen, schreibt Monika Maron ins Tagebuch, „wie mein Leben ohne mein Leben aussehen soll“.
Wiedervereinigung wird nicht erwähnt
Anfang Juni 1988 ist es so weit, die Familie zieht um nach Hamburg. Die Vorschrift, nach drei Jahren wieder in die DDR zurückzukehren, wird hinfällig, denn 1989 fällt die Mauer, 1990 wird die deutsche Einheit besiegelt. Beide Ereignisse finden im Tagebuch keine Erwähnung. Stattdessen ein ironischer Kommentar, nicht allgemein zum deutschen, sondern speziell zum Mann der DDR, einer „von dieser ganz speziellen Sorte: hässlich, uncharmant, unerotisch, verbissen und ein guter Mensch“.
Dann werden nur noch vereinzelt besondere Vorkommnisse auf die leeren Seiten gestreut, beispielsweise ein Essen mit den Obamas 2010 in Berlin sowie der eigene spektakuläre Rauswurf aus dem S. Fischer Verlag 2019 und Marons Einstieg beim Verlag Hoffmann und Campe 2021: „Ich dachte mir, dass niemand eine 80-jährige Autorin will. Bin immer wieder verwundert über diese Fügung.“ SABINE DULTZ
Monika Maron:
„Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig. Tagebücher 1980 – 2021“. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg,
236 Seiten; 28 Euro.