Gefeiert: der österreichische Theaterstar Julia Riedler.
Voller Hingabe für ein wichtiges Stück: Julia Riedler. © Armin Smailovic (2)
Wenn sie sich beim Auftritt durch die Parkettreihen der Kammerspiele schlängelt, trägt Julia Riedler noch weiße Spitzenhandschuhe. Wie das bei feinen Damen eben üblich war im Österreich der Küss-die-Hand-Epoche, in der Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ (1924) spielt. Am Ende aber steht sie (fast) pudelnackert auf der Bühne. Denn genau das hat der reiche Kunsthändler und Freund des Hauses ja von Else verlangt: sie ganz entblößt sehen zu dürfen, als Gegenleistung dafür, dass er ihrem Vater 30.000 pumpt, damit der nicht ins Gefängnis muss, weil er Gelder veruntreute.
Was die großartige Julia Riedler als Solistin des Abends aus diesem Scham-und-Schande-Thriller macht, ist quasi der nackte Wahnsinn: Es hat zwar viel mit Schnitzler zu tun, kommt aber etwa zur Hälfte als meisterhaftes Improvisationstheater daher, bei dem das Publikum familiär einbezogen wird und bereitwillig mitspielt. Dabei ergeben sich Szenen voll grotesker Situationskomik, etwa wenn ein Besucher erklären soll, was ein Filou ist („so was wie der Monaco Franze“), während ein anderer behauptet, den reichen Kunsthändler aus einem Gerichtsprozess zu kennen (!). Julia Riedlers Kollegin Brigitte Hobmeier wiederum, die als Zuschauerin in der ersten Reihe sitzt, will gschamig nicht verraten, was ihre schicken Stiefel gekostet haben, aber dafür gehen die Jugendlichen im Publikum fast rührend engagiert mit, wenn sie Fräulein Else Tipps geben, wie sie der sexuellen Erpressung entgeht („von der toxischen Familie lösen“).
Bewundernswert, wie schlagfertig Julia Riedler auf all das reagiert, und mit welch federnder Präsenz sie immer wieder in den Text zurückfindet. Nie lässt sie den bedrohlichen Hintergrund vergessen, den diese unterhaltsamen Eskapaden zeitweilig verhüllen. Schließlich muss Else innerhalb weniger Stunden entscheiden, ob sie den schamlosen „Deal“ des potenziellen Geldgebers akzeptiert, und ihr rasendes Gedankenkarussell voller Zerrissenheit macht ja eigentlich den inneren Monolog des Textes aus. Wenn sie diesen Seelen-Striptease in allen Nuancen glitzern, funkeln und glänzen lässt, erhält die brillante Solistin allenfalls Konkurrenz vom Bühnenbild, das nur aus einem prächtigen Kristall-Lüster besteht – Inbegriff jenes Upper-Class-Settings, in dem all diese Schweinereien stattfinden. Dass man dabei unweigerlich an den Fall Jeffrey Epstein denkt, ist klar.
Natürlich hat Regisseurin Leonie Böhm die Grenze zwischen Publikum und Bühne so ostentativ aufgehoben, um den 100 Jahre alten Stoff noch deutlicher an die heutige Me-Too-Debatte anzubinden. Aber diese spielerische Aktualisierung enthüllt ganz generell, dass Machtmissbrauch so alt ist wie die Menschheit – und bereits der Begriff eine Verschleierung: suggeriert er doch fälschlich, Macht an sich sei schon in Ordnung und nur ihr „Missbrauch“ eben ein verwerflicher Ausrutscher mieser Charaktere.
Absurd komisch wirkt dementsprechend auch das utopisch umgedichtete Ende: Else fantasiert sich den Erpresser zum reuigen Feministen um – der aber in seiner Entschuldigungssuada auch bloß wieder die Floskeln („auf Augenhöhe“) eines konfektionierten Achtsamkeits-Jargons wiederholt.
Frenetischer Jubel und stehende Ovationen.ALEXANDER ALTMANN
Weitere Aufführungen
am 12. und 25. April, 23. Mai, muenchner-kammerspiele.de.