Einmal Sommermärchen, bitte!

von Redaktion

Tim Frohwein bringt uns zurück ins Jahr 2006 – und das tut gut

Gute Laune überall: Die Stimmung im gesamten Land war unvergesslich. © Steffen Kugler

Den Film „Deutschland. Ein Sommermärchen“ hat Tim Frohwein bis zuletzt nicht gesehen, ganz bewusst. Denn der 42-Jährige wollte all die im Sommer 2006 selbst erlebten Gefühle, Eindrücke, Erinnerungen so lange selbst empfinden, wie es nur irgendwie geht. Als sich Deutschland vor 20 Jahren auf die Fußball-WM im eigenen Land einstimmte, war er Anfang 20, fußballvernarrt, beschwingt vom Leben als junger Student. Dass er vor „einem der schönsten Sommer in meinem Leben“ stand – wie er in seinem Buch „2006. Sommermärchen des Jahrhunderts“ schreibt, wusste er damals noch nicht. Aber er spürt es heute noch.

„Unvergessen“ ist das Wort, das Frohwein über diese Wochen verliert, die zwischen dem 9. Juni und 9. Juli 2006 lagen – und damit Millionen Deutschen aus der Seele spricht. Es geht dabei nicht nur um jene Fußball-Fans, die noch jedes der 147 Tore aus 64 WM-Partien im Kopf haben, denn Frohwein blickt weit über den Rasenrand. „Politik, Gesellschaft, Technologie“ sind die Stichworte, die er aus dem ersten Kanzlerjahr von Angela Merkel nennt. Alles läuft parallel, ist aber immer wieder tief verwoben mit dem Fußball. Genau das will Frohwein auf 224 Seiten vermitteln.

Im Tagebuch-Stil ist die Zeit rund um diesen „unvergesslichen Sommer“ niedergeschrieben, gespickt mit schwarz-weißen Aufnahmen. Sie wirken wie aus einer anderen Zeit, aber genau darum geht es ja. Sich zurückzuversetzen in diese Monate, in denen laut dem damaligen Nationalspieler und Frohwein-Bekannten Philipp Lahm „nicht alles super war – aber es war vieles neu“. Die offenen Fenster und den Geruch von Grillkohle kannte man. Fähnchen an den Autos, Public Viewing, Fanmeilen und schwarz-rot-goldene Farbe im Gesicht aber nicht.

Liest man chronologisch, hat man viele Aha-Momente. Blättert man einfach mal rein, bleibt man gerne hängen. So ging es auch Frohwein, Lahm und TV-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein bei der offiziellen Lesung. Die 60-Jährige sagt: „Deutschland hat sich selbst überrascht.“ Und Lahm erlebt vor allem die Monate ab der WM-Vorbereitung noch einmal intensiv mit. Vom 1:4 hundert Tage vor dem WM-Start gegen Italien mit der wunderbaren Boulevard-Schlagzeile „Quattro Gegentori“ als Wachrüttler bis zum Flug über die Berliner Fanmeile nach dem siegreichen Spiel um Platz drei. „Ich habe selten solch einen Zusammenhalt gespürt in unserer Gesellschaft wie in diesen Wochen.“ Auch wenn man die „beste Party nie toppen kann“: In Zeiten wie den aktuellen tut ein Buch wie dieses gut. Weil 2006 einfach Laune gemacht hat. Und weil heute auch nicht alles schlecht ist.H. RAIF

Tim Frohwein:

„2006. Sommermärchen des Jahrhunderts“. Die Werkstatt, 224 Seiten; 24,90 Euro.

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