So klingt die Zukunft

von Redaktion

Der 25-jährige Sänger Tyreek McDole in der Münchner Unterfahrt

Dieser Bariton, der mit Kraft aus der Tiefe kommt, dennoch in eine eigenwillige, betörende Kopfstimme kippen kann, hätte vermutlich auch beim Absingen des sprichwörtlichen Telefonbuchs noch Gänsehaut-Potenzial. Seit seinem letztjährigen Debütalbum wird der 25-jährige Tyreek McDole aus Florida als die Zukunft des Jazzgesangs gehandelt. Aber was heißt schon Jazz? Bei seinem Konzert in der Münchner Unterfahrt macht der Vokalist von Anfang an klar, dass es ihm um das Kontinuum schwarzer Musik geht. Deshalb stehen Stücke von Rap-Größen wie André 3000 und Kendrick Lamar neben solchen der Jazzikonen Thelonious Monk und Miles Davis und Selbstgeschriebenem.

Die Wendigkeit von McDoles facettenreicher Stimme lässt ihn seine karibischen Wurzeln integrieren, und Blues kann er, wenn es, wie in der Zugabe, sein muss, natürlich auch. Getragen wird McDole von einem auf jeder Position (Klavier, Kontrabass, Schlagzeug) ebenfalls mit hochtalentierten Jungkünstlern besetzten Trio. Insbesondere wenn Pianist Idris Frederick seiner chromatischen Fantasie freien Lauf lässt, wünscht man sich, diesen vor Virtuosität und Ideen überschäumenden Tastenzauberer auch mal mit einer eigenen Band zu erleben.

In Sachen Geschmackssicherheit und Dramaturgie des Konzertaufbaus ist Luft nach oben. Dass McDole in einem langen Stück im zweiten Set seine Stimme durchgehend elektronisch verfremdet, wirkt ein wenig albern, so als versuchte man einen Rolls-Royce mit dem Aufsprühen einer Comicfigur zu „verschönern“. Aber McDole ist ja noch jung, und sein Showtalent als Conférencier erhöht sein Crossover-Potenzial. Sollte es also mit der Karriere klappen, werden alle Glücklichen, die Tickets für die Unterfahrt erworben haben, sagen können: Wir haben ihn damals hautnah erlebt, als er noch in kleinen Clubs aufgetreten ist.REINHOLD UNGER

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