Wer‘s glaubt, wird selig

von Redaktion

Das Landestheater Niederbayern riskiert in Landshut Richard Wagners „Parsifal“

Regelmäßiges Ritual in der Gralsburg – doch unterm Kelchtuch ist nichts: Szene aus Stefan Tilchs Inszenierung. © Peter Litvai

Ein paar Kostümteile fehlen noch, die liegen in Passau. Was bedeutet: Ein Mitarbeiter schnappt sich am Premierentag das Auto, düst über die A92 Richtung Dreiflüssestadt, um einigermaßen rechtzeitig wieder in Landshut zu sein. Die Vorstellung beginnt zehn Minuten später – was eben so passiert, wenn man als Landestheater Niederbayern drei Orte (inklusive Straubing) zu bespielen hat. Intendant Stefan Tilch erzählt das ganz cool, seine Truppe ist ganz anderes gewöhnt. Zum Beispiel Mega-Opern zu stemmen wie aktuell Richard Wagners „Parsifal“.

Es ist ein Spagat in alle Richtungen. Das Landshuter Theaterzelt, Ersatzspielstätte für das seit 2014 geschlossene, sanierungsbedürftige historische Haus im Stadtzentrum, bietet einigermaßen Platz, braucht aber eine Mikrofonanlage fürs Gesangspersonal und ist anfangs überheizt. Die Atmosphäre ist so lala und die Bühne eher XS-Format, was Tilch und seinen Bühnenbildner Thomas Dörfler sowie Video-Designer Florian Rödl aber zur Kreativität anstachelt. Und dann gibt es noch das Publikum. „Parsifal“ muss hier funktionieren als Wagner-Erstversorgung für Neulinge, sollte aber auch ein, zwei Ebenen mehr bieten für angereiste Hardcore-Fans.

Letztere kriegen bei Regisseur Tilch Hinterlistiges serviert. Was, wenn Gral, Speer, auch die ewig offene Wunde des sündigen Gralskönigs Amfortas nur Hirngespinste sind? Wenn sich also eine Ritter-Runde versammelt zum regelmäßigen Ritual, obwohl es dafür keine Utensilien, keine Nachweise gibt? Wer’s glaubt, wird selig: Tilch erlaubt sich einen Seitenhieb auf alle möglichen spirituellen Gemeinschaften, nicht nur (Premiere ist Gründonnerstag) auf die Christen.

Zweimal wird im „Parsifal“ der Gral enthüllt. Und wir sehen: nichts. Unterm Kelchtuch gibt es kein Goldgefäß, Amfortas reißt sich einen Stofffetzen aus dem Gewand, doch darunter schwärt keine Wunde. Parsifal, der von allen ersehnte Erlöser, macht das Spielchen mit, hält pantomimisch einen Speer in den Händen – um am Ende in die Runde zu grinsen: April, April.

Das Konzept ist nicht nur frech, sondern bedenkenswert. Glaubensgemeinschaften, das sagt ja schon der Begriff, funktionieren nicht per objektiv überprüfbarer Wahrheit. Am besten ist Tilch bei solchen Hintergründigkeiten, auch, wenn er per Video entlarvt, dass der angebliche „reine Tor“ Parsifal Dreck am Stecken hat: Mordend bahnt er sich den Weg zum Schloss des abtrünnigen Gralsritters Klingsor. Wo dieses niederbayerische Bühnenweihfestspiel weniger funktioniert, das ist in den Chorszenen. Tilch ist zwar mittlerweile versiert, wie er einiges auf der kleinen Szenerie kaschieren und intensivieren kann, doch das meiste sieht dann doch aus wie ein Kompromiss.

Die Aufführung rückt Wagners letztes Opus weg vom Ersatzgottesdienst, hin ins Asiatische. Die Männer tragen lange Röcke, „getauft“ wird Sünderin Kundry mit Lotosblüten. Eine Portion Buddhismus also, Wagner selbst war dem durchaus aufgeschlossen. Über allem spannen sich gotische Gewölbeteile, auch Pflanzen könnten damit gemeint sein. Das Pathos der Ritter-Zeremonie unterläuft Tilch. Irgendwann bewegen sich alle tanzend als Chorus Line, rhythmische Grals-Gymnastik statt Bedeutung heuchelndes Schreiten.

Das funktioniert, weil Basil H.E. Coleman nochmals zwei Gänge hochschaltet. Der Dirigent ist mit der Niederbayerischen Philharmonie ohnehin flott unterwegs. Die Verwandlungsmusiken driften Richtung Geschwindmarsch. Weihrauch dringt auch bei ihm nicht aus dem Stück. Ansonsten wird die Partitur allenfalls verbucht und abgefertigt. Coleman verlässt sich da auf sein teils exzellent besetztes Ensemble.

Vokal ist Hochachtbares zu erleben. Stephan Bootz (er war Tilchs Wotan im niederbayerischen „Ring“) ist als Gurnemanz ein Typ, aber kein harmloser, die Stimme ist von rauer Wucht. Peter Tilch gibt einen sehr menschlichen, gebrochenen Amfortas. Kyung Chun Kim (Klingsor) und Youngkug Jin (Titurel) hätte man größere Rollen gegönnt. Hans-Georg Wimmer (Parsifal) und Yamina Maamar (Kundry) bringen natürliche, keine überreizte Dramatik mit.

Im Finale dürfen sich Amfortas und Kundry finden. Stefan Tilch lässt ein allgemeines Happy End zu. Auch Klingsors Verführerinnen, die in Akt zwei noch eine Bad-Taste-Party feierten (Kostüme: Ursula Beutler), sind Wagner-widrig dabei. Kuss und Schluss: Vielleicht findet sich darunter ja eine bessere Hälfte für den Titelhelden.MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen

in Landshut, Passau und Straubing; Infos zu den Terminen unter landestheater-niederbayern.de.

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